Die Angriffe im September 1991 richteten sich gegen mosambikanische VertragsarbeiterInnen und eine Unterkunft für Geflüchtete. Tagelang belagerten Neonazis und BürgerInnen deren Wohnheime, bedrohten, beleidigten und verletzten die BewohnerInnen. In den Zeitzeugenvideos berichten Betroffene, Anwohner, Besucher eines linken Jugendclubs und andere Beteiligte von ihrer Erinnerungen an die Angriffe. Eine Chronik zeichnet den Verlauf der Ereignisse nach.

Filme

Beginn der Angriffe auf die Mosambikaner

Pressefotograf Gerd Fügert berichtet vom ersten Tag der Angriffe auf das Wohnheim der mosambikanischen Vertragsarbeiter. David Macau gehörte zu den Angegriffenen. Er lebt seit 25 Jahren wieder in Maputo/Mosambik. Das Pogrom von Hoyerswerda konnte er nie vergessen.

Alle Fotos wurden freundlicherweise von Gerd Fügert zur Verfügung gestellt.

Angriffe auf das Wohnheim der VertragsarbeiterInnen

1991 griffen Neonazis unter dem Beifall von BürgerInnen das Wohnheim der VertragsarbeiterInnen in Hoyerswerda an. Die Ausschreitungen dauerten mehrere Tage. Einer der mosambikanischen Bewohner und zwei deutsche Nachbarn beschreiben die Angriffe. Nach 25 Jahren reden die Nachbarn zum ersten Mal öffentlich über das Pogrom.

Ein Jugendclub während der Angriffe

Der Jugendclub "Der Laden" lag in unmittelbarer Nähe des Wohnheims für VertragsarbeiterInnen in Hoyerswerda. 1991 wurden die MigrantInnen tagelang von Neonazis und Teilen der Bevölkerung attackiert. Zwei Aktive des "Ladens" schildern ihre Erinnerungen daran.

Angriffe auf die Geflüchteten

Nachdem das Wohnheim der VertragsarbeiterInnen in Hoyerswerda tagelang belagert und angegriffen wurde, zogen die Neonazis und Teile der Bevölkerung auch vor die Unterkunft der Geflüchteten. Ein ehemaliger Bewohner und der Superintendent der evangelischen Kirche erinnern sich an die erste Nacht der Angriffe.

TV-Bericht: Hoyerswerda, September 1991

Fernsehbeitrag zu den Angriffen von Hoyerswerda 1991 und den bundesweiten Folgen – u.a. Rostock-Lichtenhagen 1992. (Quelle: YouTube)

Fernsehbericht Hoyerswerda 1991

Ein Fernsehbericht aus Hoyerswerda im September 1991. (Quelle: YouTube)

TV-Beitrag vom September 1991

Aufnahmen von den Angriffen, den Betroffenen und dem Polizeieinsatz aus einem TV-Beitrag zum rassistischen Pogrom von Hoyerswerda 1991. (Quelle: YouTube)

Hintergrund

Chronik der Angriffe in Hoyerswerda

Nachfolgend werden die Abläufe der Geschehnisse vom Herbst 1991 detailliert geschildert. Bereits im Vorfeld hatte sich die ablehnende Stimmung gegenüber den in der Stadt lebenden MigrantInnen dramatisch zugespitzt. Nähere Informationen über jene Entwicklungen finden sich in den unten stehenden weiteren Hintergrundtexten auf dieser Seite.

Dienstag, 17. September 1991

Gegen 14.00 Uhr beobachtet ein Streifenwagen eine Gruppe von etwa zehn Skinheads, die vor einer Kaufhalle im Stadtzentrum Alkohol trinken und neonazistische Musik hören. Da hinzugerufene Beamte darin kein ordnungswidriges Verhalten erkennen, ziehen sich die Polizisten nach kurzer Zeit wieder zurück. Am späten Nachmittag begeben sich die zumeist jugendlichen Personen auf den Wochenmarkt am Lausitzer Platz, beginnen Fahrräder zu demolieren, Passanten anzupöbeln und wenig später gezielt Menschen vietnamesischer Herkunft anzugreifen, die Zigaretten verkaufen. Umstehende Passanten verständigen daraufhin die Polizei, die gegen 17.20 Uhr erneut mit zwei Einsatzwagen am Ort eintrifft und im Umfeld sieben Beteiligte aufgreift. Die Stimmung unter den Rechtsradikalen ist aggressiv, es kommt zu Beleidigungen und Drohungen gegenüber den Beamten. Nachdem weitere Personen zur Gruppe hinzukommen und das Gerücht verbreiten, die vorher Attackierten hätten den Hund eines Angreifers getötet, stürmt die Gruppe erneut zum Lausitzer Platz. Die dortigen Vietnamesen flüchten daraufhin in Richtung des VertragsarbeiterInnenheims auf der Albert-Schweitzer-Straße.

Die Angreifer begeben sich ebenfalls vor die Unterkunft und beginnen die BewohnerInnen durch rassistische Parolen und Drohungen zu provozieren. Schnell wächst die Menschenmenge vor der Unterkunft auf etwa 40 Personen an, es kommt zu ersten gewaltsamen Auseinandersetzungen, Scheiben am Gebäude werden eingeschlagen. Als die Polizei gegen 18.15 Uhr mit mehreren Streifenwagen eintrifft, wird auch sie aus der Menschenmenge u.a. mit Steinen beworfen und zieht sich zurück. Weitere Menschen strömen zur Gruppe vor dem Wohnheim und feuern die Angreifer an. Um 19.00 Uhr werden Polizeikräfte u.a. aus Bautzen, Kamenz und Görlitz zur Unterstützung verständigt. Die Angriffe auf die Unterkunft und die hinzugezogenen Polizeikräfte halten bis etwa 21.00 Uhr an. Acht Personen werden dabei verletzt, 12 Personen festgenommen.

Mittwoch, 18. September 1991

Gegen 17.00 Uhr versammeln sich etwa 100 vorwiegend jugendliche Deutsche vor dem VertragsarbeiterInnenheim in der Albert-Schweitzer-Straße und rufen fremdenfeindliche Parolen. 40 bis 50 Personen, die von den eintreffenden Einsatzkräften als „harter Kern“ der Gruppe ausgemacht werden, werfen wiederum Scheiben der Unterkunft ein. Vereinzelt kommt es auch zu körperlichen Auseinandersetzungen mit einigen BewohnerInnen. Der Polizei, die mit etwa 70 Beamten (u.a. Beamte eines Sondereinsatzkommandos aus Dresden) vor Ort zusammengezogen wird, gelingt es schließlich, beide Gruppen zu trennen. Die BewohnerInnen werden aufgefordert, sich in das Wohnheim zurückzuziehen. Ein Eindringen von Deutschen in das Gebäude kann durch die PolizistInnen verhindert werden, jedoch eskaliert die Situation vor der Unterkunft erneut, nachdem BewohnerInnen zur Verteidigung Gegenstände vom Dach werfen.

Um 19.30 Uhr ist die Gruppe vor dem Wohnheim bereits auf ca. 200 bis 250 Personen angewachsen. Vor allem AnwohnerInnen aus der unmittelbaren Nachbarschaft applaudieren den Angreifern und beteiligen sich teilweise ebenfalls an den Ausschreitungen. Vertreter des Landratsamtes und der Ausländerbehörde sowie ein örtlicher Pfarrer versuchen, auf die aufgebrachte Menge Einfluss zu nehmen. Es werden Drohungen ausgesprochen die Angriffe fortzusetzen und die Unterkunft anzuzünden, falls die BewohnerInnen nicht weggebracht würden.

Die Situation entspannt sich erst gegen 22.00 Uhr, nachdem ein Großteil der Personen den Ort wieder verlassen hat.

Donnerstag, 19. September 1991

Bereits am Nachmittag belagern die ersten Deutschen erneut das VertragsarbeiterInnenwohnheim in der Albert-Schweitzer-Straße. Bis 17.30 Uhr wächst die Menge der Angreifer und Schaulustigen auf etwa 200 Personen an. Bereitschaftszüge der Polizei rücken aus und sichern die Zugänge zur Unterkunft, nachdem Jugendliche den Tank aus einem PKW herausgerissen und das Benzin zum Anfertigen von Molotowcocktails verwendet haben. Kurze Zeit später werden neben anderen Gegenständen erste Brandflaschen in den durch die Polizei gesicherten Außenbereich des Gebäudes geworfen.

Gegen 18.30 Uhr erfolgt die Anweisung an die rund 100 im Einsatz befindlichen Polizeikräfte, Personen aus der Menschenmenge vor der Unterkunft festzunehmen. In der Folge gelingt es den Beamten bei 12 Angreifern unter anderem Molotowcocktails und Schlagwaffen sicherzustellen. Um 19.45 Uhr fordert die Polizeiführung zusätzliche Verstärkung an, da die Einsatzkräfte massiv angegriffen werden. Zu diesem Zeitpunkt befinden sich um die 500 Personen vor dem Wohnheim, weitere Brandsätze werden geworfen.

Gegen 21.30 Uhr hat die Polizei die Lage schließlich wieder unter Kontrolle, vereinzelte Angriffe halten jedoch noch bis Mitternacht an. Insgesamt werden 55 Personen festgenommen, die Polizei spricht von mindestens 17 Verletzten. Ein Beamter wird mit schweren Schnittverletzungen, einem Kieferbruch und einer Gehirnerschütterung ins Krankenhaus eingeliefert.

Die Einsatzleitung kommt im Nachgang zu dem Schluss, dass die Ausschreitungen in den Folgetagen anhalten und am darauffolgenden Samstag, dem 21.09.1991, einen Höhepunkt erreichen werden. Zudem geht sie von einem geplanten und zielgerichteten Vorgehen gegen die Polizeikräfte aus.

Freitag, 20. September 1991

Der amtierende Landespolizeidirektor Andreas Arnold besucht den Ort des Geschehens. Erstmals befinden sich nun drei Einsatzhundertschaften der Polizei auf Abruf, die das VertragsarbeiterInnenheim in der Albert-Schweitzer-Straße weitläufig absperren sollen. Am Mittag findet im Landratsamt Hoyerswerda eine Krisensitzung statt, deren Ergebnis unter anderem die Übereinkunft einschließt, „dass eine endgültige Problemlösung nur durch die Ausreise der Ausländer geschaffen werden kann.“ Begründet wird dieser Entschluss insbesondere durch die breite Solidarisierung der BewohnerInnen aus der Nachbarschaft der Unterkunft mit den gewalttätigen Angriffen. Im Laufe des Tages werden zudem die letzten noch in Gewahrsam befindlichen Angreifer der vorangegangenen Tage wieder auf freien Fuß gesetzt.

Um etwa 17.30 Uhr gelingt es einer kleineren Personengruppe trotz der verschärften Sicherheitsmaßnahmen vor die Unterkunft in der Albert-Schweitzer-Straße zu ziehen. Erneut werden Scheiben am Gebäude eingeworfen. Daraufhin rücken gegen 18.00 Uhr Einsatzzüge der Polizei aus, um vereinzelte Menschenansammlungen im weiteren Umfeld aufzulösen. Ab 20.00 Uhr finden sich erneut über 100 Personen vor den Wohnheim ein, die Steine und Brandsätze werfen. Die Polizei räumt daraufhin die Albert-Schweitzer-Straße, wobei drei Personen festgenommen, jedoch kurze Zeit später wieder aus dem Gewahrsam entlassen werden.

Ab etwa 23.00 Uhr kommt es darüber hinaus erstmals zu einem Angriff auf das Wohnheim von Geflüchteten in der Thomas-Müntzer-Straße. Etwa 40 Personen werfen dabei Scheiben am Gebäude ein. Auch hier solidarisieren sich spontan NachbarInnen mit den Angreifern und helfen u.a. beim Anfertigen von Molotowcocktails, deren Einsatz wiederum durch andere Umstehende verhindert werden kann. Als die Polizeikräfte nach etwa 15 Minuten eintreffen, verlagern sich die Auseinandersetzungen in umliegende Straßen. Daraufhin versammeln sich etwa 70 BewohnerInnen der Unterkunft vor dem Eingang des Wohnheims und fordern zu ihrem Schutz eine sofortige Abreise nach Berlin.

Als sich die Lage gegen 1.00 Uhr zunehmend beruhigt, ziehen sie sich jedoch wieder in das Gebäude zurück.

Samstag 21. September 1991

Albert-Schweitzer-Straße

Auf einer zweiten Krisensitzung verständigen sich Polizei und Stadtverwaltung über eine Nachrichtensperre gegenüber der dpa, deshalb reisen zusätzlich weiterer MedienvertreterInnen aus dem gesamten Bundesgebiet nach Hoyerswerda.

Gegen 14.00 Uhr wird die bereits seit längerem geplante Abreise von 60 BewohnerInnen des VertragsarbeiterInnenheimes auf der Albert-Schweitzer-Straße vollzogen. Sie werden unter Polizeischutz mit Bussen aus der Stadt nach Frankfurt zur „freiwilligen“ Abschiebung nach Mosambik gefahren. 70 Personen, deren Arbeitsverträge noch bis Monatsende gültig sind, bleiben vorerst im Gebäude untergebracht.

Im Laufe des Tages versammeln sich erneut um die 150 Schaulustige vor der Unterkunft. Am frühen Abend spitzt sich die Lage vor dem Wohnheim zu, wiederum werden Scheiben eingeworfen.

Die Situation beruhigt sich jedoch gegen 21.30 Uhr, da sich die Angriffe nun zunehmend auf die Unterkunft für Geflüchtete in der Thomas-Müntzer-Straße verlagern.

Thomas-Müntzer-Straße

Am frühen Nachmittag wird auf Initiative von Superintendant Friedhart Vogel und des Ausländerbeauftragten des Kreises versucht, die in der Asylunterkunft befindlichen Frauen und Kinder in Sicherheit zu bringen. Nachdem währenddessen aus einem vorbeifahrenden Auto Feuerwerkskörper geworfen werden, sperren einige BewohnerInnen die Straße mit Müllcontainern ab, um sich vor weiteren Angriffen zu schützen. Etliche Schaulustige beobachten das Geschehen, verhalten sich jedoch zunächst ruhig.

In den nächsten Stunden wächst die Menschenmenge vor dem Wohnheim auf etwa 150 Personen, die Stimmung ist zunehmend aggressiv. Schließlich eskaliert die Lage gegen 19.00 Uhr, als vermummte Rechtsradikale die Konfrontation mit der Polizei suchen. Um sich gegen die nachfolgenden Angriffe zu verteidigen, steigen BewohnerInnen auf das Dach der Unterkunft und werfen ihrerseits Gegenstände in die Menschenmenge. Die Polizei reagiert durch den Einsatz von Spezialkräften auf dem Dach. Die Situation kann letztlich gewaltlos beruhigt werden, da sich die BewohnerInnen in das Gebäude zurückziehen.

Als erster Politiker seit dem Beginn der Angriffe versucht der stellvertretende Bürgermeister Klaus Naumann zu der Menschenmenge zu sprechen und beschwichtigend einzuwirken. Er wird mit Flaschen beworfen und muss von der Polizei geschützt werden. Die Auseinandersetzungen vor der Unterkunft flauen in der Folge ab, spitzen sich jedoch gegen 23.00 Uhr noch einmal zu, als es einer Gruppe von 40 Personen erneut gelingt das Heim direkt anzugreifen und Scheiben einzuwerfen.

Nach 1.00 Uhr löst sich die Menschenmenge schließlich auf. Im Tagesverlauf setzt die Polizei 16 Personen fest.

Gegen 2.00 Uhr wird die Polizei informiert, das in der Albert-Schweitzer-Straße erneut Scheiben eingeworfen werden sollen. Auch im Stadtzentrum werden in der Nacht verschiedene Neonazigruppen gesichtet. Um 3.20 Uhr beobachten Einsatzkräfte sechs Personen in unmittelbarer Nähe der Unterkunft auf der Thomas-Müntzer-Straße, die Benzinkanister bei sich führen, jedoch nach ihrer Entdeckung in Fahrzeugen flüchten.

Sonntag 22. September 1991

Mitglieder der Fraktion „Bündnis 90/Grüne“, „SOS Rassismus“, die „Liga für Menschenrechte“ und andere zivilgesellschaftliche und antirassistische Gruppen aus Berlin rufen zu einem Autokonvoi nach Hoyerswerda auf. An der gemeinsamen Anreise beteiligen sich rund 350 Personen. Nach Bekanntwerden der Aktion werden die bereits in Hoyerswerda stationierten drei Einsatzhundertschaften der Polizei in Bereitschaft versetzt, da zunächst von einer Anreise rechtsradikaler Kräfte ausgegangen wird. Um die Polizei zu entlasten sind zudem u.a. zusätzliche Beamte des Bundesgrenzschutzes angefordert worden. Als der Konvoi schließlich die Thomas-Müntzer-Straße erreicht, sperrt die Polizei die Zufahrt zur Unterkunft für Geflüchtete und verhindert somit den Zugang der TeilnehmerInnen. Eine für 16.00 Uhr angemeldete und genehmigte Kundgebung vor dem Heim kann nicht stattfinden. Nach Verhandlungen wird lediglich einer Delegation der DemonstrantInnen der Zutritt zum Gebäude gestattet, die Gespräche mit den BewohnerInnen aufnimmt. Jene äußern den Wunsch, die Stadt aus Sorge um ihre Sicherheit so schnell wie möglich verlassen zu können.

Daneben kommt es im gesamten Stadtgebiet mehrfach zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Linken und Neonazis. Die Lage ist unübersichtlich und angespannt. Als sich gegen 21.00 Uhr vermehrt Personen vor dem Wohnheim der Asylsuchenden gesammelt haben, die offensichtlich weitere Krawalle provozieren wollen, schreitet die Polizei mit Wasserwerfern ein und beginnt mit der Räumung der Thomas-Müntzer-Straße. Im Tagesverlauf werden 32 Personen festgesetzt, es gibt sechs Verletzte.

Montag, 23. September 1991

Hoyerswerdaer Tageblattes am 24.09.1991

Die Ausschreitungen werden zum Thema in der Debatte des Bundestages. Die Bundesregierung und das Land Sachsen sowie Vertreter aller Parteien verurteilen die Geschehnisse in Hoyerswerda und die Zunahme rassistischer Gewalttaten in ganz Deutschland. Auch im sächsischen Landtag wurden die Ereignisse bereits vorher durch einen Antrag von Bündnis 90/Grüne diskutiert. Verbunden werden die entsprechenden Erklärungen unter anderem mit der Forderung nach einer Verschärfung des Asylrechts durch Vertreter der CDU/CSU. Kritische Stimmen dazu erfolgen von Vertretern aller Oppositionsparteien.

In den Nachmittagsstunden beginnt die Räumung des Wohnheims in der Thomas-Müntzer-Straße. Die 230 BewohnerInnen werden mit Bussen aus der Stadt gebracht und auf andere Unterkünfte im Landkreis, in Meißen und im Raum Pirna verteilt. Bis zu 1.000 Menschen verfolgen das Geschehen, viele beklatschen die bevorstehende Abreise der Asylsuchenden. Während der Räumung wird das Gebäude mit Feuerwerkskörpern beschossen. Als sich am Abend ein Bewohner aus Verzweiflung aus dem vierten Stock der Unterkunft stürzen will, jedoch zurückgehalten werden kann, ertönt Beifall aus der Menge. Zudem werden Gegenstände auf die abfahrenden Busse geworfen, wodurch eine Person verletzt wird.

Hoyerswerdaer Tageblattes am 24.09.1991

Eine geplante Verfolgung der Busse durch Rechtsradikale kann durch Polizeikontrollen verhindert werden. Jedoch müssen 13 Personen, die in ein Kirchenobjekt in Schwarzkollm verlegt werden sollten, noch in der selben Nacht erneut evakuiert werden, nachdem sich eine Menschenmenge vor dem Gebäude versammelt hat. Bei ihrer Ankunft in Rosenthal und Meißen weigern sich etliche Insassen aus Angst vor weiteren Übergriffen die Busse zu verlassen. Sie fordern eine Unterbringung in den alten Bundesländern.

Mittwoch, 25. September 1991

Erst jetzt verlassen die letzten aus Hoyerswerda evakuierten Asylsuchenden ihre Busse. Weitere Personen, die aus der Stadt in andere sächsische Gemeinden verlegt wurden, haben sich inzwischen aus ihren neu zugewiesenen Unterkünften entfernt, um selbstständig den Weg in die alten Bundesländer auf sich zu nehmen. Etwa 40 BewohnerInnen der Heime befinden sich zu diesem Zeitpunkt bereits in Berlin. In einer Pressekonferenz berichten einige von ihren Erfahrungen in Hoyerswerda. Sie erhalten mit Unterstützung antirassistischer Gruppen zunächst Kirchenasyl.

Am Abend wird auf dem Hoyerswerdaer Marktplatz die ARD Sendung „Brennpunkt“ ausgerichtet. Der sächsische Innenminister Rudolf Krause (CDU) und Oskar Lafontaine (SPD) diskutieren in diesem Rahmen über die Ausschreitungen. Etwa 300 Menschen verfolgen das Geschehen vor Ort. Die Stimmung ist angespannt, da etliche Neonazis versuchen, die Veranstaltung für ihre Zwecke zu vereinnahmen. Es kommt wiederholt zu Auseinandersetzungen zwischen den Störern und der Polizei, die insgesamt 16 Personen in Gewahrsam nimmt. Bis zu diesem Zeitpunkt sind im Zusammenhang mit den Ausschreitungen 83 Festnahmen durch die Ordnungskräfte erfolgt. Sieben Personen wurden einem Haftrichter vorgeführt.

Sonntag, 29. September 1991

Dem Aufruf zu einer Demonstration unter dem Motto „Gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“ in Hoyerswerda folgen über 3.000 Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet. Zeitgleich versammeln sich in Dresden ebenfalls 2.000 Personen, um ein Zeichen gegen rechte Gewalt zu setzen.

Als der Protestmarsch gegen 14.00 Uhr den genehmigten Startpunkt vor der Asylunterkunft auf der Thomas-Müntzer-Straße erreicht, ist der Zugang durch Einsatzzüge des Bundesgrenzschutzes abgesperrt. Nachdem Verhandlungen zwischen den Veranstaltern und der Einsatzleitung keine zeitnahe Klärung der Situation herbeiführen können, beginnt die Lage zu eskalieren. Es kommt zu Auseinandersetzungen zwischen den Polizeikräften und Protestierenden, Wasserwerfer werden eingesetzt. Appelle vom Lautsprecherwagen die Lage zu beruhigen, führen zu teilweise gewalttätigen Konflikten zwischen einzelnen TeilnehmerInnen. Schließlich dreht der gesamte Demonstrationszug um und versucht die Polizeisperre zu umgehen. Als die Einsatzkräfte einschreiten, um das Fortkommen des Marsches zu verhindern, eskaliert die Situation erneut. Die Demonstration wird von den Veranstaltern für aufgelöst erklärt.

Da die TeilnehmerInnen jedoch nicht gewillt sind, den Ort zu verlassen, bis die Demonstration durchgesetzt wird, kommt es in der Folge zu weiteren Verhandlungen mit dem Bundesgrenzschutz und dem Einsatzleiter der sächsischen Landespolizei im Beisein der Presse. Letztlich kann die Demonstration wie geplant stattfinden. Während des Marsches schließen sich einige Dutzend junger Menschen aus Hoyerswerda an, die gemeinsam mit drei örtlichen Pfarrern die Spitze des Zuges bilden. Die Stimmung bleibt jedoch nach wie vor angespannt. Vereinzelt kommt es zu Störungen von AnwohnerInnen, die TeilnehmerInnen beschimpfen und Gegenstände werfen. Auch aus der Demonstration heraus werden erkennbare Personen aus dem rechten Spektrum, bzw. solche, die dafür gehalten werden, körperlich angegriffen und zahlreiche Autos beschädigt.

Ihren Abschluss findet die Veranstaltung auf der Dr.-Wilhelm-Külz-Straße in unmittelbarer Nähe des von den Angriffen betroffenen VertragsarbeiterInnenwohnheims. Die Polizei nimmt im Tagesverlauf neun Personen in Gewahrsam.

 

Quellen:

Alle Asylbewerber evakuiert. Lausitzer Rundschau vom 25.09.1991.

Ausschreitungen durch Skins am Ausländerwohnheim. Sächsische Zeitung vom 19.09.1991.

Auszüge aus Polizei- und Lageberichten vom 17.09. - 25.09.1991. Verfügbar unter: http://www.hoyerswerda.de/documente/Ausstellung_Herbst1991_Erdgeschoss.pdf (zuletzt aufgerufen am 12.08.2016).

Bundestag verurteilt Gewalt gegen Ausländer. Sächsische Zeitung vom 26.09.1991.

Chronik „Denkmal Herbst 91 - Was damals geschah“. Verfügbar unter: http://scan-hy.de/denkmal/damals.html (zuletzt aufgerufen am 12.08.2016).

Chronik der Ausschreitungen. Lausitzer Rundschau vom 16.09.2011.

Die Ausschreitungen im September 1991. In: Wowtscherk, Christoph (2014): Was wird wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S.162-183.

Ein Tag in Hoyerswerda. Sächsische Zeitung vom 21./22.09.1991.

Erste Feuerbälle am Ausländerwohnheim. Lausitzer Rundschau vom 21.09.1991.

Gewalt eskaliert, wo Politik und Toleranz versagen. Lausitzer Rundschau vom 23.09.1991.

Hoyerswerda atmet auf. Rundschau für Nordsachen vom 26.09.1991.

Oskar Lafontaine in Hoyerswerda. Lausitzer Rundschau vom 27.09.1991.

Papier der Demo-Vorbereitungsgruppe zur Demo gegen Rassismus in Hoyerswerda am 29.09.1991.

Polizei mit Molotow- Cocktails und Stahlkugeln beworfen. Lausitzer Rundschau vom 23.09.1991.

Pollack, Detlef. (2005). Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda. Berliner Debatte Initial (16), S. 15-32.

Presseerklärung Konvoi nach Hoyerswerda vom 22.09.1991.

Weitere Randale vor Ausländerwohnheim. Lausitzer Rundschau vom 20.09.1991.

„Wir haben Angst, sind weder für die einen noch die anderen“. Sächsische Zeitung vom 23.09.1991.

Hintergrund

Eine Hoyerswerdaerin berichtet

Gudrun Erfurt hat seit 1980 in Hoyerswerda gelebt. Sie beobachtete die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkunft in der Thomas-Müntzer-Straße von dem Altenheim aus, in welchem sie damals arbeitete. In einem Gespräch im Jahre 2012 schilderte sie die Ereignisse.

Wie Gudrun Erfurt berichtete, waren bereits vor 1990 zu spüren, dass in Ostdeutschland eine aggressive, rechte Jugendkultur entsteht – Politik und Gesellschaft blieben allerdings tatenlos. In dem Gespräch schilderte sie darüber hinaus, welche weiteren Ursachen sie für die Eskalation im September 1991 sah.

Hintergrund

Vorgeschichte: Ankunft der VertragsarbeiterInnen

Das soziale Klima in den Betrieben, in denen die ankommenden VertragsarbeiterInnen ausgebildet und beschäftigt wurden, war von Beginn an von Konflikten geprägt. Auch deren Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung verliefen nicht ohne Probleme. Es kam zunehmend zu Spannungen.

Erste Schwierigkeiten nach der Ankunft

Nach Abschluss eines Regierungsabkommens zwischen der DDR und der Volksrepublik Polen wurde im Jahre 1971 erstmals eine größere Zahl polnischer VertragsarbeiterInnen in das Gaskombinat Schwarze Pumpe entsandt. Auf Grund von enttäuschten Erwartungen seitens der ankommenden Arbeitskräfte, organisatorischen Mängeln und fehlender Erfahrungen bei deren Eingliederung in die Betriebe sowie der restriktiven Bestimmungen, die ihre geschlossene Unterbringung in Hoyerswerda gewähren sollten, herrschte von Beginn an ein spürbares Konfliktpotenzial im Umgang miteinander.

Wie Christoph Wowtscherk in seiner sozialgeschichtlichen Studie „Was wird, wenn die Zeitbombe hochgeht?“ darlegt, reagierten die Verantwortlichen auf diese Situation, neben der Ausrichtung von Freizeitangeboten und Aussprachen, vor allem mit internen Disziplinarmaßnahmen und vermehrten Rückführungen von „auffälligen“ Beschäftigten. Besonders kritisch wurde die Kontaktaufnahme von männlichen Vertragsarbeitern mit deutschen Frauen betrachtet, wenngleich das Kombinat, wie Wowtscherk anhand von internen Berichten aufzeigt, in der Folgezeit „sehr wohl an der Integration der polnischen Arbeiter in das deutsche Wohn- und Arbeitsumfeld interessiert“ schien. Bis auf vermehrte Beschwerden wegen Lärmbelästigung aus dem nachbarschaftlichen Umfeld ihrer Unterkunft in der Albert-Schweitzer-Straße kam es jedoch nur in seltenen Fällen zu direkten Konflikten und Auseinandersetzungen mit Einheimischen.

Spannungen zwischen Einheimischen und VertragsarbeiterInnen

Mit der Entsendung von algerischen ArbeitnehmerInnen im Jahre 1974 änderte sich diese Situation. Wie Wowtscherk ausführt, konnten zwar bestehende „Vorurteile der Kombinatsleitung (…) durch den Kontakt mit den algerischen Arbeitern schnell widerlegt“ werden, jedoch „litten die Algerier unter (...) Diskriminierungen ihrer deutschen Kollegen“, die sich etwa in Schikanen, wie der Benachteiligung bei der Essensausgabe, ausdrückten. Auch Fälle von Drohungen, Beleidigungen und körperlichen Angriffen gegenüber den VertragsarbeiterInnen nahmen zu.

In einem geheimen Informationsbericht des Ministeriums für Staatssicherheit „über einige Probleme des Einsatzes algerischer Werktätiger in Betrieben der DDR“ aus dem Jahre 1975 wird auf diese Entwicklungen und die damit einhergehende Unzufriedenheit der algerischen ArbeitnehmerInnen Bezug genommen. Jene hätten sich wiederholt darüber beklagt, dass „in der DDR keine umfassende Informierung der Öffentlichkeit über das Regierungsabkommen und des Einsatzes algerische Werktätiger erfolgt“ sei und sie „als Menschen zweiter Klasse behandelt“ würden. Mit Blick auf die Häufung körperlicher Auseinandersetzungen mit Einheimischen wird festgehalten, „daß DDR-Bürger den algerischen Werktätigen oftmals überheblich und arrogant gegenübertraten und diese (...) provozierten. Das Personal mancher Gaststätten benachteiligte die algerischen Werktätigen im Vergleich zu DDR-Bürgern. Das führte zu Spannungen zwischen den Gästen und oftmals zu tätlichen Auseinandersetzungen.“

„Eine Integration fand nicht statt“

Mit Blick auf die weitere Entsendung von VertragsarbeiterInnen aus verschiedenen Nationen in die Region bis zum Zusammenbruch der DDR resümiert Wowtscherk „dass die ausländischen Arbeiter, insbesondere die Algerier und Mosambikaner“ in der Bevölkerung als „Fremde wahrgenommen und stigmatisiert“ wurden. „Eine Integration fand nicht statt.“

 

Quellen:

BstU, Mfs, 0031, Nr. 740/75, Information über einige Probleme des Einsatzes algerischer Werktätiger in Betrieben der DDR.

Wowtscherk, Christoph (2014): Was wird wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S. 25, 83-117.

Hintergrund

Vorgeschichte: Neonazistische Tendenzen in Hoyerswerda vor 1991

Das rassistische Pogrom vom Herbst 1991 fand nicht im luftleeren Raum statt. Im Verlauf des Zusammenbruchs der DDR wurden rechtsradikale und ausländerfeindliche Einstellungen auch in Hoyerswerda zunehmend hoffähig.

Zunehmende Ausbreitung neonazistischer Tendenzen seit den 1970iger Jahren

Chronik von Dr. Harry Waibel

Wie aus einer Chronik über „neonazistische (…) Einstellungen und Gewalt in Hoyerswerda und Umgebung“ des Historikers Harry Waibel hervorgeht, lassen sich bereits in den 1970er Jahren gewalttätige Auseinandersetzungen mit VertragsarbeiterInnen und anderen Personen, sowie Propagandadelikte in der Region belegen, bei denen Beteiligte ihre Taten mit öffentlichen Bekenntnissen zu einem neonazistischen Weltbild in Verbindung brachten.

Während solche Vorkommnisse von offizieller Seite zunächst nur unter der allgemeinen Kategorie des „Rowdytums“ Erwähnung fanden, zeigen Christoph Wowtscherks Recherchen, dass mit der Häufung weiterer rechtsradikaler Vorkommnisse ab Mitte der 1980iger Jahre auch gezieltere Nachforschungen durch das Ministeriums für Staatssicherheit und die lokalen Polizeibehörden über Täterkreise vorgenommen wurden. Der Ermittlungsdruck gegenüber offen auftretenden Skinheadgruppierungen in der Region nahm zu.

Etablierung einer rechtsradikalen Jugendkultur in der Zeit der Wiedervereinigung

Bis zum Jahre 1991 wurden zahlreiche neonazistische Schmierereien und Propagandadelikte in Hoyerswerda und Umland registriert. Wie u.a. aus Verhörprotokollen der Volkspolizei hervorgeht, stieß rechtsradikales Gedankengut seit dem Jahre 1989 vermehrt bei Jugendlichen auf regen Zuspruch. In Wowtscherks Studie finden sich darüber hinaus zahlreiche Dokumente, die auf entsprechende Personenzusammenhänge von 15- bis 20-Jährigen im Stadtgebiet verweisen. Jene besaßen zum damaligen Zeitpunkt bereits feste Treffpunkte, wie etwa den Jugendclub „Einstein“ oder die Gaststätten „Ratskeller“ und „Zur Post“, in denen ihr offensives Auftreten toleriert oder gar positiv zur Kenntnis genommen wurde.

Wie aus der Chronik von Waibel hervorgeht, stiegen auch die gewalttätigen Angriffe auf Ausländer in der Region insbesondere im Umfeld von Gaststätten und Diskotheken seit 1988 sprunghaft an. In einem Artikel der taz vom 07.05.1990 ist zu lesen, dass schließlich allein im April jenen Jahres 14 Polizeieinsätze notwendig waren, „um Streitigkeiten zwischen deutschen Jugendlichen und (…) Mosambikanern zu schlichten. Immer waren Pöbeleien der Weißen gegenüber den ausländischen MitbewohnerInnen die Ursache gewesen.“

Die Gründung der „Neuen Deutschen Ordnung“

Neonazistische Parteien und Gruppierungen aus den alten Bundesländern konnten zwar unmittelbar nach dem Fall der Mauer noch nicht in größerem Maße in der Stadt Fuß fassen. Wie Zeitungsberichte der Rundschau für Nordsachsen vom 15.03.1991 und der taz vom 23.09.1991 belegen, gelang es jedoch einer Gruppe von Rechtsradikalen um den Hoyerswerdaer Manfred Gnecko nach der Wiedervereinigung eine selbsternannte „Bürgerwehr“ unter dem Namen „Neue Deutsche Ordnung“ zu etablieren.

Im Artikel des Rundschau-Reporters, der die “Neue Deutsche Ordnung“ eine Nacht lang auf ihrer „Streife“ begleitet hatte, heißt es: „Die Mitglieder (…) haben nach ihrer Aussage die Bekämpfung der Straftaten in die eigene Hand genommen“ und „postulierten ihren Anspruch für Recht und Ordnung zu sorgen“. Bezüglich seiner eigenen Rolle als Medienvertreter schreibt er weiter: „Wenn wir die Thematik nochmals aufgreifen, dann nicht um ein Urteil abzugeben, oder vorzuverurteilen, sondern auf ein drängendes Problem aufmerksam zu machen – die steigende Kriminalität in den Städten und Gemeinden unseres Kreises.“

Neonazis als gesellschaftlicher Ordnungsfaktor

Diese unkritische Haltung gegenüber den Akteuren charakterisiert eindrücklich den mit dem Zusammenbruch der DDR spürbar zunehmenden Vertrauensverlust gegenüber staatlichen Institutionen und rechtsstaatlicher Autorität in Teilen der Bevölkerung. In diesem gesellschaftlichen Klima bot sich für rechtsradikale Zusammenhänge auch in Hoyerswerda die Möglichkeit, positiv als Ordnungsfaktor in unsicheren Zeiten wahrgenommen zu werden. Erst als die „Neue Deutsche Ordnung“ „in der Öffentlichkeit als neofaschistische Organisation enttarnt worden war und die Polizei mehrmals die Wohnungen nach Waffen durchsucht hatte, sei man ,auseinandergegangen‘“, berichtete Gnecko damals gegenüber der taz.

 

Weitere Informationen auf anderen Seiten:

Bereich "Nachbarschaft": "Hoyerswerda war schon immer eine harte Stadt" – Interview mit Jens, der den September 1991 als alternativer Jugendlicher in Hoyerswerda erlebte.

 

Quellen:

„Der Diensthabende wünscht sie nicht zu sprechen“. Rundschau für Nordsachsen vom 15.03.1991.

„Seit der Wende verfallen die deutschen Tugenden“. TAZ vom 23.09.1991.

Waibel, Harry (2016). Neonazistische, rassistische und antisemitische Einstellungen und Gewalt in Hoyerswerda und Umgebung von 1960 bis 2013.

Wowtscherk, Christoph (2014). Was wird, wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S. 119-160.

Hintergrund

Vorgeschichte: Vorboten des Pogroms vom September 1991

Nachdem sich zu Beginn der 1990iger Jahre eine rechtsradikale Jugendkultur in der Region herausbilden konnte, die starken Zulauf erfuhr und nur vereinzelt auf Widerspruch stieß, wurden Angriffe auf Wohnheime von MigrantInnen zur Normalität.

 

Zuspitzung der Konfliktlage

Volkspolizei-Bericht vom 04.04.1989

Wie stark sich das ausländerfeindliche Konfliktpotential bereits kurz vor der Wiedervereinigung in der Region zugespitzt hatte, lässt sich auch anhand eines Hinweisschreibens der Volkspolizei über einen durch Jugendliche geplanten Angriff auf das VertragsarbeiterInnenwohnheim in Lauta vom 04.04.1989 nachvollziehen (siehe Dokument). Darin ist zu lesen, dass am vorherigen Tage „aus mehreren Teilen der Bevölkerung von Lauta, unabhängig voneinander“ Hinweise an die Polizei ergingen, „daß sich (...) ca. 50 Jugendliche formiert haben, um einen Angriff auf das Wohnheim der Mosambiquaner in der Thälmannstr. in Lauta durchzuführen.“ Aufgrund der erhöhten Gefahrenlage sei daraufhin u.a. veranlasst worden, „daß sich die Mosambiquaner größtenteils im Wohnheim aufhalten und keine Gaststätten und Jugendtanzveranstaltungen besuchen“ sollten.

Um die angespannte Lage zu entschärfen, „die in der Vorbereitung und Durchführung der Vorwahlen negative Auswirkungen haben kann“, seien, wie es in dem Dokument weiter heißt, „alle Funktionäre der örtl. Volksvertretung, Betriebe, Sportgemeinschaften und anderer staatlicher und gesell. Organisationen“ angehalten worden, „in ihren Kollektiven Öffentlichkeitsarbeit zur Beruhigung der Bevölkerung (…) zu leisten.“

Ankündigung: "Heute fließt das erste Ausländerblut"

Auf die rechten Jugendgruppen in der Region hatten diese Maßnahmen jedoch offenbar keine abschreckende Wirkung mehr. Knapp zwei Wochen später ging, laut einer Meldung der Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Cottbus vom 19.04.1989, ein anonymer Drohanruf im Polizeirevier in Hoyerswerda ein. Der Anrufer kündigte darin an: „Heute fließt das erste Ausländerblut“ (siehe Dokument).

Rassistische Ausschreitungen am 1. Mai 1990

Im darauffolgenden Jahr erreichten rechte Angriffe auch in Hoyerswerda selbst eine neue Eskalationsstufe. Nach schweren rassistisch motivierten Ausschreitungen am 1.Mai 1990 kam die Stadt erstmals bundesweit in die Schlagzeilen. Ein Beitrag der taz vom 07.05.1990 berichtet, wie sich mehrere Gruppen Jugendlicher dazu verabredet hatten, auf einem Rummelplatz an der Ernst- Thälmann- Straße gezielt Ausländer zu attackieren. Im Verlauf des Tages schlugen jene einen Mosambikaner so zusammen, „daß er mit schweren Prellungen vor allem am Kopf ins Krankenhaus eingeliefert“ werden musste. In der Folge kam es zu Auseinandersetzungen zwischen 150 bis 200 Deutschen und etwa 50 VertragsarbeiterInnen aus dem nahe gelegenen Wohnheim. Als diese sich schließlich in die Unterkunft zurückzogen, wurde das Gebäude von der Menschenmenge belagert.

Die taz schildert die weiteren Geschehnisse wie folgt: „Als die Mosambikaner von ihren Balkonen aus die Beschimpfungen der Weißen beantworten, beginnen diese, mit Steinen zu werfen. Dreißig Fensterscheiben gehen zu Bruch, viele Balkonverkleidungen werden zerstört. Verfolgt werden die Ausschreitungen von etwa 1500 Schaulustigen, AnwohnerInnen und PassantInnen. Ihre Reaktion reicht von reiner Schaulust über wohlwollende Zustimmung bis zu anfeuernden Rufen. (…) Erst nachdem (…) alle Polizisten des Kreises Hoyerswerda zusammengerufen und mit Schlagstöcken, Helmen und Schildern ausgerüstet“ sind, „gelingt es (…) die Ausschreitungen zu beenden.“ Im Nachgang äußerte Peter Bergmann, der damalige Pressesprecher der Volkspolizei Hoyerswerda , gegenüber der Zeitung: „Wir gehen davon aus, daß es solche Vorkommnisse verstärkt geben wird.“

Angriffe auf Wohnheime werden zum „Event“

In der Nacht auf den 03.10.1990, dem Tag der deutschen Einheit, fand jene Vorahnung erneut Bestätigung. Nach einer Feier zogen etwa 50 rechtsradikale Jugendliche mit einem Transparent zum Wohnheim auf der Zetkin-Straße, riefen rassistische Parolen und warfen Steine auf das Gebäude. Christoph Wowtscherk kommt in seiner Studie von 2014 anhand der Analyse von Vernehmungsprotokollen einiger am Vorfall Beteiligter zu dem Schluss: „Der Angriff (...) wurde belustigt und in Feierlaune begangen. Die Menge tobte sich regelrecht aus. Die Fremdenfeindlichkeit wurde zum Event.“

Aufgrund des spontanen Charakters der Aktion stellte die Polizei im Nachgang nicht nur keinen Bezug zu vorhandenen rechtsradikalen Personenkreisen in der Stadt her, sondern verharmloste den Vorfall gegenüber der Öffentlichkeit mit dem jungen Alter der Beteiligten und dem Verweis auf deren exzessiven Alkoholkonsum. Darauf ,„dass diese Einschätzung (...) getrogen hatte“, verweist Wowtscherk mit Blick auf die Ereignisse vom Herbst 1991. Er schreibt: „Von den 16 Jugendlichen, die am 3. Oktober 1990 festgenommen wurden, waren mindestens zwei auch an den Gewalttaten 1991 beteiligt.“

 

Quellen:

Bezirksverwaltung für Staatssicherheit Cottbus Arbeitsgruppe XXII. Meldung über anonymen Anruf vom 19.04.1989 (BStU, MfS, BV Cottbus, AKG, 1509, Bl. 3f.).

Nach der Fete wollten sie „Neger aufklatschen“. taz vom 07.05.1990.

Volkspolizei-Kreisamt Hoyerswerda – Gruppenposten Lauta, Operativer Hinweis, 04.04.1989.

Wowtscherk, Christoph (2014): Was wird wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S. 149-160.

Hintergrund

Politische Diskussion in Hoyerswerda nach 1991

Die Ereignisse von September 1991 lösten kontroverse Diskussionen unter PolitikerInnen und Parteien aus, die sich mit verschiedensten Erklärungen an die Öffentlichkeit wandten. Die Situation der Betroffenen spielte dabei jedoch kaum eine Rolle.

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