Durch die rassistische Gewalt von 1991 erlebte die Neonaziszene in der Region einen enormen Aufschwung. Militante Gruppierungen versuchten, die fremdenfeindliche Stimmung vor Ort für die Rekrutierung neuer Mitglieder auszunutzen. Obwohl Hoyerswerda gegen Ende der 1990iger Jahre nicht mehr als rechte Hochburg galt, bildeten sich auch im neuen Jahrtausend immer wieder Strukturen heraus, die gewaltätig auftraten und überregional aktiv wurden.

Filme

Angriff auf Zeitzeugen

Im September 2011 besuchten wir mit drei Betroffenen der rassistischen Angriffe von 1991 noch einmal Hoyerswerda für Filmaufnahmen. Am ehemaligen Wohnheim der mosambikanischen Vertragsarbeiter wurden sie wieder beleidigt und bedroht.

November 1991: "Deutsche Alternative" in Hoyerswerda

Ausschnitt aus einer Dokumentation mit Szenen eines Treffens der "Deutschen Alternative" in Hoyerswerda im November 1991. Zu Wort kommt u.a. Roman Dannenberg aus der ostsächsischen Stadt – er war damals Vorsitzender der "Deutschen Alternative" Sachsen. (Quelle: YouTube)

1992: Neonazis in Spremberg

Reportage aus dem nur wenige Kilometer von Hoyerswerda entfernten Spremberg (Brandenburg) aus dem Jahr 1992. (Quelle: YouTube)

Bericht zur Neonaziszene 2012 in Spremberg

Ein Bericht aus dem Jahr 2012 zur Neonaziszene im nur wenige Kilometer von Hoyerswerda entfernten Spremberg. (Quelle: YouTube)

Hintergrund

Rechte Hochburg Hoyerswerda – Neonazismus in den 1990iger Jahren

Die Gewaltexzesse vom September 1991 beförderten die Entwicklungen neonazistischer Aktivitäten in der Region nachhaltig. Der Ausbreitung einer rechtsradikalen Jugendkultur wurde zunächst kaum etwas entgegengesetzt. In dieser Situation versuchten militante Gruppierungen an Einfluss zu gewinnen und durch gewalttätige Aktionen ein Klima der Angst zu schüren.

Festigung einer rechten Jugendkultur

Obwohl die Vertreibung der ausländischen HeimbewohnerInnen keines der sozialen Probleme vor Ort gelöst hatte, erwiesen sich rassistische und nationalistische Einstellungen als überaus attraktives Identitätsangebot für Jugendliche. Die tagelangen Krawalle im Herbst 1991 wurden als unmissverständliche Machtdemonstration der regionalen Neonaziszene wahrgenommen. In der Pose einer „sozialen Protestbewegung“ gelang es deren ProtagonistInnen nicht nur, sich öffentlichkeitswirksam und weitestgehend unbehelligt in Szene setzen. Die Zustimmung aus Teilen der Bevölkerung legitimierte ihr Handeln auch nach außen hin und sicherte eine gesellschaftliche Anschlussfähigkeit.

Wie Christian Wowtscherk ausführt, reagierte die Stadt auf diese Entwicklungen zunächst mit dem Versuch, „die Sorgen der Skinheads ernst zu nehmen, um sie (...) abzuhalten, ihren Frust gewalttätig abzubauen“. Durch Treffen und Gesprächsrunden mit rechten Jugendgruppen sollte Dialogbereitschaft signalisiert und eine Entschärfung der Lage herbeigeführt werden. Schnell zeigte sich jedoch, dass deren Aktions- und Organisierungspotential offenkundig unterschätzt wurde. Nach Unstimmigkeiten kam es wiederholt zu teils gewaltsamen Auseinandersetzungen und der zeitweisen Besetzung eines Jugendclubs, um die Verwaltung zu Zugeständnissen zu bewegen. Schließlich verständigten sich die Beteiligten im August 1992 darauf, der rechten Szene das Clubhaus „WeKaZehn“ unter der Aufsicht von drei SozialarbeiterInnen zur Verfügung zu stellen.

Wowtscherks Recherchen legen nahe, dass dieses Angebot großen Zuspruch fand. Um eine Kerngruppe, die etwa 50 Personen umfasste, bewegte sich demnach ein Umfeld, welches aus mehreren hundert SympathisantInnen bestand. Die Hoffnungen durch die Überlassung der Räumlichkeiten zu einer Endradikalisierung der Jugendlichen beizutragen und weitere Konflikte in der Stadt zu vermeiden, erfüllten sich nicht. Auch die Gewaltbereitschaft gegenüber Andersdenkenden nahm keineswegs ab. Stattdessen verfügten lokale Neonazibands wie die Gruppe „Bollwerk“ nun über eigene von der Stadt finanzierte Probe- und Veranstaltungsräume. Der Club diente zudem als Treffpunkt der militanten neonazistischen Vereinigung „Deutsche Alternative“ (DA).

Organisierungsversuche militanter Gruppen – Die "Deutsche Alternative"

1992: Neonaziaufmarsch in Halle
(Quelle: YouTube-Screenshot)

Laut dem sächsischen Verfassungsschutzbericht des Jahres 1993 verfügte die DA seit Mai 1991 über einen hiesigen Landesverband mit Sitz in Hoyerswerda, der etwa 80 Mitglieder zählte. Wie Bernd Wagner in seinem „Handbuch Rechtsextremismus“ darlegt, verstand sich die 1989 in Bremen ins Leben gerufene Vereinigung „als legaler politischer Arm“ der von Michael Kühnen geführten „Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front“ (GdNF). Jene Kaderorganisation hatte sich die „Wiederzulassung der NSDAP und die Errichtung eines ,Vierten Reiches‘“ zum Ziel gesetzt. Gemeinsam mit anderen Funktionären aus den alten Bundesländern unternahm Kühnen bereits unmittelbar nach der Maueröffnung große Anstrengungen, rechtsradikale Gruppierungen in Ostdeutschland miteinander zu vernetzen. In der Folge schlossen sich bestehende Neonazistrukturen in Cottbus, Dresden und Rostock zu lokalen Verbänden der „Deutschen Alternative“ zusammen.

Martin Dannenberg am Grab von Michael
Kühnen 1992 (Quelle: YouTube-Screenshot)

Nach Kühnens Tod im Frühjahr 1991 wurde der Cottbusser Neonazi Frank Hübner zum neuen Bundesvorsitzenden der DA gewählt. Zu dessen engsten Vertrauten gehörte Martin Dannenberg aus Hoyerswerda, der dem sächsischen Landesverband vorstand. Beide waren schon vor der Wende in die alte Bundesrepublik gelangt, wo sie sich in rechtsradikalen Zusammenhängen betätigten. Fortan verlagerte die Organisation ihren Aktionsradius zunehmend in die Regionen Südbrandenburg und Ostsachsen. Neben den dort ansässigen Landesverbänden in Cottbus und Hoyerswerda gründeten sich u.a. in Senftenberg, Spremberg und Forst weitere Ortsgruppen.

Antifaschistische Kreise wiesen schon Ende 1991 auf das akute Gefahrenpotential der "Deutschen Alternative" hin. Demnach hätten sich DA-Mitglieder gemeinsam mit Akteuren der Bürgerwehr "Neue Deutsche Ordnung" federführend an den ausländerfeindlichen Ausschreitungen in Hoyerswerda beteiligt. In einem Rundschreiben, aus dem die FAZ vom 11.12.1992 zitierte, rechtfertige ihr Landesverband das Pogrom mit den Worten: "Die Ereignisse in Hoyerswerda waren keine Einzelaktionen irgendwelcher Chaoten, sondern der Wille des deutschen Volkes".

Durch ihren radikalen Gestus und den Aufbau von internationalen Kontakten, die nach Wagner, von Holocaustleugnern in England bis zum Ku-Klux-Klan in die USA reichten, gelang es der DA sich im Verlauf des Jahres 1992 "als (..) mitgliederstärkste neonazistische Organisation in den neuen Bundesländern" zu etablieren. Der Verfassungsschutz schätzte die damalige Anhängerzahl der Vereinigung auf etwa 350 Personen. Die zahlreichen von ihr ausgerichteten Konzertveranstaltungen und Demonstrationen hatten "Eventcharakter" und entwickelten ein enormes Mobilisierungspotential.

Logo der verbotenen "Deutschen Alternative"

Als sich im August 1992 ein weiteres ausländerfeindliches Pogrom in Rostock Lichtenhagen abzeichnete, fuhren Dannenberg und andere Szenegrößen zum Ort des Geschehens, um die dortige Lage weiter zu eskalieren. In einem Bericht des Spiegels vom 31.08.1992, kündigte er an: „Rostock ist nur ein Anfang, das wird eine Kettenreaktion“. Kurz darauf begannen auch im Einzugsgebiet der „Deutschen Alternative“ flächendeckende Angriffe auf Unterkünfte von Asylsuchenden, die mit ihr in Verbindung gebracht wurden. Einem Bericht der taz vom 02.09.1992 zufolge, belagerten Neonazis über mehrere Tage ein Wohnheim in Cottbus Sachsendorf. Zeitgleich wurde im Nachbarort Vetschau eine Einrichtung mit Steinen attackiert und auch „in Spremberg (…) nahm die Polizei (…) drei Jugendliche aus dem Kreis Hoyerswerda fest, die aus einem fahrenden Trabant heraus das dortige Asylbewerberheim mit einer Rauchbombe beworfen hatten.“

Während der damalige brandenburgische Ministerpräsident Manfred Stolpe laut taz vom 09.09.1992 „DA-Chef Hübner bei einer öffentlichen Versammlung in Cottbus“ noch „zu einem Gespräch“ eingeladen hatte, unternahm der Verfassungsschutz erste Anstrengungen, um ein Verbot der Organisation zu erwirken. Der Handlungsdruck von staatlicher Seite nahm weiter zu, als im Oktober 1992 bekannt wurde, dass Dannenberg die Einrichtung von „Mobilen Einsatzkommandos“ plante, um landesweit gewalttätige Aktionen zu koordinieren. Durch eine Verfügung des Bundesinnenministeriums vom 10.12.1992 kam es schließlich zur Auflösung der „Deutschen Alternative“. Die FAZ meldete einen Tag später, dass die anschließenden Hausdurchsuchungen zur Festnahme zweier DA- Aktivisten aus Hoyerswerda führten, die im Verdacht standen, in Bautzen „ein italienisches Restaurant überfallen und einen Italiener schwer verletzt zu haben“. Die führenden Köpfe der Vereinigung blieben jedoch weiter auf freiem Fuß.

Zerfallserscheinungen und neue Schwerpunkte rechter Strukturen

Das längst überfällige Verbot der „Deutschen Alternative“ zeigte Wirkung. Zwar konnte Frank Hübner seine politische Tätigkeit in Cottbus fortsetzen, das nach wie vor als Hotspot der Neonaziszene in Brandenburg galt. Jedoch gelang es regionalen Strukturen nicht mehr, sich auf eine ähnliche Weise flächendeckend zu vernetzen. Die zunehmende Strafverfolgung zwang militante Kreise zudem, sich stärker aus der Öffentlichkeit zurück zuziehen und konspirativer zu agieren. Dadurch erschwerte sich deren Anbindung an eine rechtsoffene Jugend- und Alltagskultur.

Trotz dieser positiven Entwicklungen und eines damit verbundenen Rückzugs örtlicher Neonazikader entspannte sich die Situation in Hoyerswerda nur langsam. Wie aus den Berichten des Landesamtes für Verfassungsschutz hervorgeht, gehörte die Stadt neben Dresden, Görlitz und Zittau noch bis etwa Mitte der 1990iger Jahre zu den Schwerpunktregionen rechtsradikaler Skinheads in Sachsen. Erst nachdem ein Überfall auf einen alternativen Jugendclub im Frühjahr 1993 Mike Zerna das Leben kostete und einer der Täter anschließend Selbstmord verübte, brach ihre Hegemonie vor Ort allmählich auf. Eine gezielte Förderung zivilgesellschaftlicher Projekte trug dazu bei, dass sich Jugendliche stärker von rechten Milieus distanzierten. Personengruppen, die alternativen Subkulturen angehörten, begannen damit, sich aktiv gegen Angriffe zur Wehr zusetzen.

Flyer des Jungen Nationalen Spektrums

Bis ins Jahr 1995 beschränkten sich die öffentlichen Aktivitäten der Skinheadszene in Hoyerswerda nur mehr auf die Durchführung von Rechtsrockkonzerten und die Ausrichtung einer Gedenkkundgebung für ihren verstorbenen Kameraden. Einer Pressemitteilung zufolge, die am 20.02.1995 in der taz erschien, löste die Polizei die verbotene Veranstaltung auf und nahm 37 Personen in Gewahrsam. Politische Bestrebungen neonazistischer Gruppierungen waren laut Verfassungsschutz ab diesem Zeitpunkt vor allem im nahegelegenen Weißwasser zu beobachten. Dort versuchte die durch Udo Hempel geführte Vereinigung „Jungens Nationales Spektrum“ (JNS), „insbesondere unter ehemaligen Anhängern der verbotenen DA, Mitglieder zu gewinnen“. Das JNS trat als Jugendverband der in Berlin ansässigen Organisation „Die Nationalen e.V.“ auf und gab eine eigene Zeitschrift heraus. Am 28.01.1996 rief die Gruppe zu einer nicht genehmigten Demonstration in Hoyerswerda auf und konnte etwa 200 Anhänger mobilisieren. Laut einer dpa-Meldung sprach die Polizei Platzverweise aus und setzte 20 Personen fest.

Im Verlauf des Jahres 1996 trat mit der NPD ein neuer politischer Akteur auf, der sich darum bemühte, bestehende Strukturen in der Region unter einem gemeinsamen Dach zu vereinen. Während die Gründung von Kreisverbänden in anderen Teilen Sachsens rasch zu einer Etablierung der Partei führte, blieb sie in Hoyerswerda erfolglos. Ihre Versuche im August 1996 öffentliche Veranstaltungen anlässlich des Todestages von Rudolf Hess abzuhalten, scheiterten auf Grund von Verboten. Die zunehmende Abwanderung und der Rückzug älterer Protagonisten ins Privatleben führte zu einem weiteren Zerfall der rechten Szene vor Ort, die jedoch nach wie vor über feste Treffpunkte verfügte und auch gewalttätig in Erscheinung treten konnte. Indes machten sich gegen Ende der 1990iger in kleineren umliegenden Ortschaften, wie Bernsdorf und der Oberlausitz verstärkt neonazistische Tendenzen bemerkbar.

 

Quellen:

20 Festnahmen. Pressemitteilung der dpa vom 28.01.1996.

„Deutsche Alternative“ – Treibende Kraft des Pogroms in Hoyerswerda. Antifa – Infoblatt Nr. 16, Winter 1991.

Die legalen Arme der Bewegung. taz vom 13.11.1992.

„Ernstes Zeichen an der Wand“. Der Spiegel vom 31.08.1992.

Hitler als Traditionsmitglied. taz vom 11.12.1992.

Gewalt gegen Flüchtlingsheime. taz vom 02.09.1992.

Kaum gewaltbereites Potential. Sächsische Zeitung vom 04.03.1998.

Nazi-Demo aufgelöst. taz vom 20.02.1995.

Nazis planen Einsatzkommandos. taz vom 17.10.1992.

Sächsisches Staatsministerium des Innern / Landesamt für Verfassungsschutz Sachsen (Hg.): Verfassungsschutzberichte des Jahres 1993-2000.

Seiters verbietet weitere rechtsextremistische Organisation. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 11.12.1992.

Wagner, Bernd (Hg.) (1994): Handbuch Rechtsextremismus. Reinbeck bei Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag GmbH, S. 81-87.

Wowtscherk, Christoph (2014): Was wird wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S. 58-67, 132-148, 223-240.

Hintergrund

Politkader und rechtsradikale Cliquen - Neonazismus in Hoyerswerda seit 2000

Mit dem Beginn des neuen Jahrtausends nahmen rechte Tendenzen in Hoyerswerda wieder spürbar zu. Jüngere Neonazikader, die um eine Aneignung neuer Themenfelder und Politikkonzepte bemüht waren, gründeten in rascher Folge eine Vielzahl von Netzwerken mit überregionaler Strahlkraft. Auch wenn der gesamtgesellschaftliche Einfluss gering war, bereitete ihr Agieren den Boden für die Entstehung rechtsradikaler Cliquen, die vor allem durch Einschüchterungsversuche und Angriffe gegenüber Andersdenkenden in Erscheinung traten. Seit dem ansteigenden Zuzug von Asylsuchenden in die Region verlagerten sich deren Bestrebungen nahezu ausschließlich auf die Agitation gegen Zuwanderer.

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