Schon in den 1990iger Jahren versuchten lokale Initiativen wie die RAA Hoyerswerda mit Jugendangeboten und Bildungsarbeit Akzente gegen das rechte Klima vor Ort zu setzen. Zudem boten die Kulturfabrik und ein Club alternativen Jugendlichen Freiräume. In ihrem Umfeld entwickelte sich später auch eine antifaschistisch geprägte Jugendkultur. Seitdem wieder Geflüchtete in der Stadt untergebracht werden, engagiert sich zudem ein breites Bürgerbündnis für deren Integration und gegen fremdenfeindliche Proteste.

Filme

Gegen rechte Hetze

Überall in der Stadt finden sich rechte Hetze, neonazistische und rassistische Propaganda in Form von Aufklebern im öffentlichen Raum. Unermüdlich werden sie von Jörg Michel entfernt, wie er 2016 berichtete. 

Hoy Punks und Jugendkultur

Es gab auch eine kleine linke Jugend- und Punkszene in Hoyerswerda. Plattenbauromantik im Dock 28.

Elsterwelle: Hoygida-Aufmarsch 2015

Der Lokalsender Elsterwelle berichtete über den Aufmarsch des Pegida-Ablegers Hoygida im Jahr 2015 und hörte sich auch bei der Gegenveranstaltung um.

Gedenkdemonstration der Initiative "Pogrom 91" im Jahr 2012

leftvision clips begleitete die Demonstration der Initiative "Pogrom 91" im Jahr 2012 mit der Kamera. (Quelle: YouTube)

Hintergrund

Verarbeitung und Prävention - Zivilgesellschaft und bürgerliches Engagement in Hoyerswerda

26 Jahre nach dem Herbst 1991 finden sich in Hoyerswerda zahlreiche zivilgesellschaftliche Initiativen und Vereine, die sich gegen Rechtsradikalismus und für die Stärkung einer demokratischen Gesellschaft engagieren. Neben langjährig aktiven Jugendbildungsträgern, wie der RAA Hoyerswerda, setzt sich auch das von BürgerInnen ins Leben gerufene Bündnis "Hoyerswerda hilft mit Herz" verstärkt für die Integration von Asylsuchenden in der Region ein. Unterstützt werden die Akteure dabei von lokalen Verbänden, Firmen und der Stadtverwaltung.

Dieser Artikel erscheint in den kommenden Wochen. Auf Facebook und Twitter informieren wir regelmäßig über die neuesten Veröffentlichungen.

Hintergrund

Konzerte und Kaffeefahrten gegen rechte Gewalt - Alternative Jugendkultur und antifaschistische Aktionen in Hoyerswerda

Im Zuge der Ausschreitungen vom September 1991 entwickelte sich Hoyerswerda zu einer „rechten Hochburg“. Die wenigen alternativen und linken Strukturen vor Ort hatten größte Mühe, sich gegen die alltäglichen Angriffe von Neonazis zur Wehr zu setzen. Viele zogen sich bald ernüchtert zurück oder verließen die Stadt. Das Konfliktpotenzial zwischen den Jugendgruppen blieb jedoch auch während der 1990er Jahre bestehen und entlud sich immer wieder in Auseinandersetzungen. Ab Mitte der 2000er Jahre begannen alternative Jugendliche dem tristen Alltag und neonazistischen Strukturen in Hoyerswerda erneut etwas entgegenzusetzen. Durch vielfältige Aktionen und Veranstaltungen solidarisierten sie sich mit Betroffenen rechter Gewalt und versuchten eigene Freiräume zu schaffen.

Resignation und Abwehrkämpfe – Die 1990er Jahre

Dass sich die Lage für alternative Jugendliche in Hoyerswerda nach der Vertreibung von Asylsuchenden und VertragsarbeiterInnen zuspitzen würde, war schon in den ersten Wochen nach dem rassistischen Pogrom absehbar. Mehrfach wurde der als „links“ geltende Jugendclub „Laden“ von Neonazis überfallen. In diesem Klima der Angst brachten nur noch Wenige den Mut auf, sich öffentlich gegen die hegemonial auftretende rechte Jugendkultur in der Stadt zu positionieren. Als der Stadtverordnete Wolfgang Reinheckel im November 1991 zur Gründung eines „Freundeskreises für Ausländer“ aufrief, folgten der Einladung laut einem Bericht der Sächsischen Zeitung zunächst nur etwa 50 Personen, von denen sich die Hälfte der „Antifa- und Umweltgruppen“ zurechnete. Dabei herrschte, wie es in dem Artikel heißt, „besonders unter den anwesenden Jugendlichen (…) Angst und Unsicherheit (...). Einige hatten schon Morddrohungen der rechten Szene erhalten (…).“

Dennoch ließen sich etwa die Mitglieder des Vereins „Arbeitskreis Umwelt und Frieden“ zunächst nicht einschüchtern und gründeten nach Verhandlungen mit der Stadt sogar ein „Umweltzentrum“ im besetzten „Faxenhaus“ in der Altstadt. Rasch wurde auch dieses Wohn- und Kulturprojekt zum Ziel von Angriffen. Zwei Beteiligte schilderten im Jahr 2001 gegenüber der Jungen Welt, wie prekär sie ihre damalige Situation erlebten: „(...) Die permanente Angst, auch am hellichten Tag überfallen zu werden, hat nicht aufgehört. Zwei Jahre lang. In einer Mehr-oder-weniger-Kleinstadt spricht sich (...) schnell rum, wer im ,Laden‘ oder im ,Faxenhaus‘ was macht. (…) Zuerst haben wir noch diese Spielchen betrieben, wie Fenster verriegeln, Fenster nicht mehr einglasen, heißes Wasser neben den Fenstern bereitstellen. Dann haben wir entschieden: keine extreme Gegengewalt. Und wenn Daten sind, wie 3. Oktober, 20. April – raus aus dem Haus. Gar nicht drauf einlassen. Doch jeder Hausbewohner hatte so seine Erlebnisse, keiner konnte da mehr schlafen, schließlich ist die Gruppe zerfallen. (…) Beide Häuser sind dann von uns dicht gemacht worden. (…) Du konntest da nicht mehr leben. Du konntest nicht mehr durch die Straßen gehen, ohne Angst zu haben. Man hat sich dann auch anders angezogen, das ganze persönliche Leben mußte man komplett darauf abstimmen, daß man heil aus der ganzen Geschichte wieder rauskommt.“

Auf Grund dieser Erfahrungen verließen viele engagierte Menschen aus diesem Kreis Hoyerswerda. Andere gründeten später die „Kulturfabrik“. Einer Gruppe jüngerer Personen, die sich aktiv gegen Nazis organisierte, gelang es in einem eigenen Jugendclub Fuß zu fassen. Aus dem „Linksabbieger“ ging schließlich das „Dock28“ hervor, dass sich ebenfalls auf die Ausrichtung von Konzerten und Kulturveranstaltungen fokussierte. Die fortgesetzten Angriffe von Neonazis führten in den 1990er Jahren jedoch nicht nur zu einem Rückgang politischer Aktivitäten. Es gab auch Versuche, deren Dominanz auf der Straße durch direkte Gegenaktionen zurückzudrängen, um eine weitere Eskalationen der Gewalt einzudämmen.

Als etwa Mike Zerna im Februar 1993 bei einem Überfall auf einen Jugendclub getötet wurde, versammelten sich laut den Recherchen von Christian Wowtscherk etwa 50 bis 100 Personen der linken Szene um einen Trauermarsch durchzuführen. Im Zuge der Demonstration kam es auch zu Angriffen auf das Rathaus und Polizeikräfte, worauf hin die Veranstaltung beendet wurde. Gleichzeitig belagerten, laut Wowtscherk, etwa 20 Vermummte einen Jugendklub, warfen Scheiben ein und schossen Leuchtspurmunition in die Räumlichkeiten. Die Vorfälle führten dazu, dass sich VertreterInnen von Stadt und Kirche erneut dafür einsetzten, zwischen den polarisierten „Lagern“ zu vermitteln. Obwohl solche Aktionen für viel Kritik sorgten und von einem Großteil des alternativen Umfelds in Hoyerswerda abgelehnt und verurteilt wurden, dürften sie mit dazu beigetragen haben, eine Art Konsens zu etablieren, der den Akteuren der rechten Szene zumindest deutlich machte, dass sie auch in Hoyerswerda mit Reaktionen zu rechnen hatten, wenn sie Andersdenkende angriffen.

Wie etwa in einem Bericht der Sächsische Zeitung vom 30.03.1998 zu lesen ist, kam es auch in den Folgejahren zu derartigen Vorkommnissen. Demnach hatten sich zu diesem Zeitpunkt einmal mehr Gerüchte verbreitet, dass Neonazis das „Dock 28“ angreifen wollten, woraufhin „laut Polizeiangaben etwa 100 Jugendliche lautstark durch die Straßen in Richtung Bonhoeffer Straße“ zogen. „In der dortigen Bierbar Wassermann vermuteten sie die ;Gegner‘. Eine Scheibe wurde zerschlagen und es kam im Park zu regelrechten Treibjagden. Laut Augenzeugen wurde ein Jugendlicher mit einer Eisenstange zusammengeschlagen.“ Wenig später trafen „gut 40 Beamte mit zehn Fahrzeugen“ vor dem „Dock 28“ ein, „wo sich ein Großteil der Jugendlichen wieder versammelt hatte. Die Straße wurde beidseitig gesperrt. Verdächtige wurden in den Bussen verhört, Personalien festgestellt und neun junge Leute vorläufig festgenommen. (…) Die Stimmung am Vereinshaus war explosiv (...), immer wieder riefen Jugendliche ,Nazis raus- Bullen raus‘. (…) Mit verstärkter Streifenpräsenz versuchte die Polizei, weitere Taten in angeheizter Stimmung zu verhindern.“

Demonstrationen und Öffentlichkeitsarbeit – die 2000er Jahre

Trotz der schwierigen Lage in den 1990iger Jahren blieben Orte, wie die „Kulturfabrik“ und das „Dock 28“ beständige Rückzugsräume für alternative Jugendliche in Hoyerswerda. Eine gestiegene gesellschaftliche Sensibilisierung für Themen wie Rassismus und Rechtsradikalismus sorgte zudem dafür, dass sich mit der Zunahme neonazistischer Tendenzen ab Mitte der 2000er Jahre auch wieder verstärkt Jugendliche in der Region zusammenfanden, um sich gemeinsam gegen rechte Gewalt zu engagieren.

Demonstration der AntifaAG:
"Hoyerswerda – 15 Jahre später"

Im Jahr 2006 wurde der 15. Jahrestag des rassistischen Pogroms von 1991 von jenem Umfeld zum Anlass genommen, um zusammen mit antifaschistischen Gruppen eine Demonstration in Hoyerswerda auszurichten. Diese kritisierte den Umgang der Stadt mit den Ereignissen und klärte über rechte Strukturen vor Ort auf. Im Nachgang gründete sich die „AntifaAG Hoyerswerda“, die auf ihrer Internetseite über die Geschehnisse von damals sowie über aktuelle Entwicklungen der lokalen Neonaziszene berichtete. Außerdem dokumentierte eine Chronik fortlaufend rechte Übergriffe im Stadtgebiet.

Sächsische Zeitung im Januar 2007

Anstatt die Aktionen der Neonazis mit Gegengewalt zu beantworten, wurde durch zahlreiche Pressemitteilungen, Interviews, Leserbriefe und Flugblattaktionen versucht, die Öffentlichkeit über dieses Problem zu informieren und Verantwortliche aus Stadtverwaltung und Polizei zum Handeln aufzufordern. Des Weiteren beteiligten sich in den folgenden Jahren zahlreiche Menschen an antifaschistischen Demonstrationen und Kampagnen im Umland. Zudem wurden Neonaziaufmärsche von Gegenprotesten begleitet.

Antifa-Party in Hoyerswerda 2006

Durch die enge Bindung an ein subkulturelles Millieu konnten außerdem zahlreiche Veranstaltungen, Konzerte und Partys in Hoyerswerda ausgerichtet werden, auf denen rechtes Gedankengut nicht willkommen war und deren Einnahmen für Solidaritätszwecke und weitere Aktionen gespendet wurden.

Antifa-"Kaffeefahrt" zum Wohnort des
rechtspopulistischen Politikers Henry Nietzsche

So fand etwa im Juni 2008 eine antifaschistische „Kaffeefahrt“ statt, in deren Rahmen das NPD-Bürgerbüro in Kamenz sowie der Wohnort des rechtspopulistischen Politikers Henry Nietzsche besucht wurden. Anschließend versammelten sich die TeilnehmerInnen zu einer spontanen Demonstration in Hoyerswerda. Auch wenn durch den fortgesetzten Wegzug engagierter Menschen und fehlende Unterstützung durch Polizei und städtische Institutionen keine dauerhafte Etablierung einer antifaschistischen Jugendkultur in Hoyerswerda erreicht werden konnte, waren deren vielfältige Aktivitäten ein Beispiel dafür, rechten Umtrieben trotz aller Widrigkeiten auch in der Provinz nicht das Feld zu überlassen. Möglich wurde dies jedoch nur, weil sich Menschen schon vorher für den Erhalt alternativer Strukturen eingesetzt hatten und nach wie vor einsetzen.

 

Quellen:

Bilder: AntifaAG Hoyerswerda

1991-2001: Kein Vergeben, kein Vergessen! Interview in der Jungen Welt vom 06.12.2001.

Aktion von Linken vor Haus von Henry Nietzsche. Sächsische Zeitung vom 02.06.2008.

Angstzonen mitten in Hoyerswerda. Lausitzer Rundschau vom 02.11.2007.

Antifa verteilte 3000 Flugblätter. Sächsische Zeitung vom 11.01.2007.

Besser spät als nie! Zweite erfolgreiche Antifa-Soliparty in Hoyerswerda. Bericht der aag-hoyerswerda. (http://aaghoyerswerda.blogsport.de/2008/04/23/besser-spaet-als-nie-zweite-erfolgreiche-antifa-soli-party-in-hoyerswerda/)(zuletzt aufgerufen am 05.12.2017).

Bekleidungsverkauf sorgt für Konflikte. Lausitzer Rundschau vom 30.09.2008.

Dennoch: „Dem Haß keine Chance!“. Sächsische Zeitung vom 14.11.1991.

Durchs wilde Ostsachsen. Jungle World vom 12.06.2008.

Gegen einen nationalen Konsens. Sächsische Zeitung vom 09./10.09.2006.

Hoyerswerda: Repression nach friedlicher Sitzblockade gegen Naziaufmarsch im September 2006. Pressemitteilung der AntifaAG Hoyerswerda vom 28. März 2007.

Kaufst du bei Blue Dreams? Flyer der AntifaAG Hoyerswerda und der Initiative Zivilcourage Hoyerswerda.

Linke demonstrieren in Kamenz und Oßling. Sächsische Zeitung vom 02.06.2008.

Polizei verhinderte eine Straßenschlacht. Sächsische Zeitung vom 30.03.1998.

Wenig Umdenken in eineinhalb Dekaden. Sächsische Zeitung – September 2006.

Wowtscherk, Christoph (2014): Was wird wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S. 238-241.

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