Die Hoyerswerdaer-Neustadt, der Tatort der Ereignisse, hat eine sehr junge Geschichte und wurde innerhalb weniger Jahrzehnte errichtet. Nach 1990 war die Region mit hoher Arbeitslosigkeit und der Abwanderung vieler EinwohnerInnen konfrontiert. Zahlreiche Vorbehalte richteten sich gegen die seit Anfang 1991 in der Stadt lebenden Asylsuchenden.

Filme

Gabriel Sebastião über seine Zeit in Hoyerswerda

Gabriel Sebastião lebte fast zehn Jahre in der DDR. 1988 kam er nach Hoyerswerda. Er erinnert sich gut an die rassistische Gewalt, die den Mosambikanern von Skinheads und Neonazis entgegengebracht wurde.

Die Wende in Hoyerswerda

Die Wende von 1989/1990 und das Ende der DDR hatte auch auf Hoyerswerda große Auswirkungen und war ein wichtiges Kapitel in der Vorgeschichte der Angriffe auf Migrantinnen und Migranten im September 1991 in Hoyerswerda.

Hoyerswerda drei Monate nach dem rassistischen Pogrom

Ein Portrait der Start Hoyerswerda drei Monate nach den Angriffen vom September 1991. (Quelle: YouTube)

Hintergrund

Unerwünschte Nachbarn – Asylsuchende in Hoyerswerda

Wie in vielen ostdeutschen Städten wurden auch in Hoyerswerda nach dem Ende der DDR erstmals Asylsuchende aufgenommen. Ihre Unterkunft befand sich in einem Plattenbaublock in der Thomas-Müntzer-Straße, der vormals als ArbeiterInnenwohnheim gedient hatte. Die Überbelegung des Gebäudes und ein mangelnder Austausch mit der umliegenden Bevölkerung förderten von Beginn an ein von Vorurteilen geprägtes Klima gegenüber den Neuankömmlingen. Durch den allgemeinen Anstieg der Flüchtlingszahlen in der Bundesrepublik auf Grund des Jugoslawienkrieges, sowie der damit einhergehenden Negativberichterstattung in den Medien wurden die bestehenden Spannungen zwischen Einheimischen und Asylsuchenden weiter befeuert.

Aufnahme von Asylsuchenden in Hoyerswerda

Wie Recherchen von Christian Wowtscherk zeigen, war erst im Laufe des Herbstes 1990 öffentlich bekannt gegeben worden, dass ab Ende des Jahres Asylsuchende in Hoyerswerda untergebracht werden sollten. Schätzungen der Ausländerbehörde zufolge gingen die Verantwortlichen zunächst von einer Gesamtzahl von etwa 850 Personen aus, die der Kreisstadt zugewiesen werden könnten. Daraufhin begannen im Dezember die Arbeiten zur Bereitstellung der ersten Wohnräume in der Thomas-Müntzer-Straße. Da Schwierigkeiten bei der Ausstattung der Unterkunft auftraten, bat die Stadt um Sachspenden aus der Bevölkerung, die auf eine positive Resonanz stießen. Außerdem entstand ein Kreis von freiwilligen UnterstützerInnen um den Superintendenten Friedhart Vogel, der einer drohenden Überforderung der zuständigen Behörden entgegenwirken wollte. Aus diesem Kreis wurde u.a. ein gemeinsames Treffen mit Migranten aus der Partnerstadt Pforzheim organisiert, die Auskünfte über ihre Erfahrungen bei der Aufnahme von Asylsuchenden geben sollten.

Letztlich kamen im Verlauf des Jahres 1991 lediglich um die 250 Personen nach Hoyerswerda, die jedoch aus über 20 verschiedenen Nationen stammten. Bei ihrer Unterbringung wurden die Ankommenden nach ihrer Hautfarbe getrennt, eine Berücksichtigung von ethnischen oder religiösen Differenzen fand hingegen nicht statt. Auch familiäre Beziehungen spielten bei der Zuteilung der Wohnräume keine Rolle. Aufgrund der Beschaffenheit des Gebäudes und der konzentrierten Belegung ist davon auszugehen, dass sich im Durchschnitt 12 bis 16 Personen jeweils eine Vierraumwohnung teilen mussten.

Wie aus einem Artikel der Rundschau für Nordsachsen vom 24.10.1991 hervorgeht, waren zehn SozialhelferInnen für die Betreuung der Asylsuchenden zuständig. Laut Sächsischer Zeitung vom 05.09.1991 handelte es sich jedoch nicht um Fachkräfte, sondern Personen, die über eine ABM-Maßnahme eingesetzt wurden. Den in der Rundschau wiedergegebenen Äußerungen der damalige Leiterin der Ausländerbehörde Carola Hypko zufolge, habe es bis zum September 1991 „im Heim keine schwerwiegenden Probleme im Zusammenleben verschiedener Völkerschaften und Religionen gegeben.“ Die 20 Kinder der BewohnerInnen hätten auf Grund ihrer Lernfortschritte bezüglich der deutschen Sprache ohne weiteres in den regulären Schulbetrieb übernommen werden können, was jedoch an fehlenden Regelungen des Sächsischen Schulgesetzes scheiterte. Zudem hätten laut Hypko bereits Angebote vorgelegen, um Asylsuchende „im Vereinsleben zu integrieren.“

Reaktionen in der Stadt

Trotz des positiven Engagements einzelner BürgerInnen herrschte schon vor dem Zeitpunkt der Aufnahme von Asylsuchenden ein stark ausländerfeindlich geprägtes Klima in Hoyerswerda. Wie die organisierten Angriffe von Neonazis und rechten Jugendlichen auf VertragsarbeiterInnen am 1.Mai und 3.Oktober 1990 gezeigt hatten, sank auch die Hemmschwelle gegenüber gewalttätigen Aktionen, ohne dass es zu nennenswerten Protesten aus der Bevölkerung kam. Durch die gleichzeitige Etablierung und Duldung der Bürgerwehr „Neue Deutsche Ordnung“ zeichnete sich ab, dass Rechtsradikale von zahlreichen BürgerInnen als sozialer Ordnungsfaktor in unsicheren Zeiten wahrgenommen wurden.

Die Ankommenden galten hingegen vor allem als KonkurrentInnen um die knapper werdenden sozialen und finanziellen Ressourcen in der Stadt. Wie Carola Hypko im Oktober 1991 gegenüber der Stadtverordnetenversammlung berichtete, waren zwei Vorurteile gegenüber den Asylsuchenden besonders wirkmächtig. Zum einen hielt sich das Gerücht, dass jene überaus umfangreiche finanzielle Zuwendungen genossen, obwohl, mit Ausnahme von 520 D-Mark „Taschengeld“ pro Jahr, nahezu alle geltenden Ansprüche in Form von Sachleistungen erbracht wurden. Zum anderen war kolportiert worden, dass durch ihre Unterbringung in der Thomas-Müntzer-Straße dringend benötigter Wohnraum für die einheimische Bevölkerung besetzt worden wäre, was schon auf Grund der vorhergehenden Nutzung des Gebäudes als ArbeiterInnenwohnheim nicht den Tatsachen entsprach.

Da die Aufnahme der Asylsuchenden auf so wenig Verständnis stieß, informierte das Landratsamt die Öffentlichkeit in einer durch lokale Medien verbreiteten Mitteilung vom 04.04.1991 über den damaligen Sachstand. Neben einem Eingeständnis der mangelnden Erfahrung bezüglich der Unterbringung bekräftigte der Landrat die Absicht, die Situation für alle Parteien zufriedenstellend zu lösen und dabei auch auf die Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Akteuren zu setzen. Um die Sicherheit der HeimbewohnerInnen zu gewährleisten und die angespannte Stimmung nicht weiter anzuheizen, wurde in dem Schreiben darum gebeten, auf eine „über die Erklärung hinausgehende Berichterstattung“ zu verzichten.

Probleme in der Nachbarschaft

In den Sommermonaten des Jahres 1991 häuften sich Beschwerden von AnwohnerInnen über nächtliche Ruhestörungen, die von den BewohnerInnen der Unterkunft ausgingen. Anhand der Eintragungen eines Dienstbuches der BetreuerInnen, von denen seit Juli jeweils eine Person auch zur Nachtschicht am Wohnheim eingesetzt wurde, beschreibt Wowtscherk einzelne Vorfälle. So kam es tatsächlich zu mehreren Zwischenfällen, bei denen sich etwa einzelne BewohnerInnen lautstark unterhielten und auf Grund von AnwohnerInnenbeschwerden eingeschritten werden musste. Außerdem wurden wiederholt Abfälle und Möbelteile aus den Fenstern des Gebäudes geworfen. Auch zwischen den Asylsuchenden entstanden hin und wieder Konflikte. Allerdings gab es ebenso Beschwerden, die sich gegen die BewohnerInnen richteten, obwohl diese den beanstandeten Lärm nicht verursacht hatten. Gleichzeitig beschwerten diese sich ebenfalls, wenn etwa deutsche Nachbarn zu später Stunde feierten. Zudem finden sich Eintragungen, die von Bedrohungen und Angriffen gegenüber den Asylsuchenden berichten. So wurde am 18.07.1991 beobachtet, wie Jugendliche versuchten, einen Brandanschlag auf das Gebäude zu verüben.

Ebenfalls im Juli 1991 kam es laut einem Bericht der Sächsischen Zeitung vom 09.11.1991 in der Unterkunft zur Vergewaltigung einer Minderjährigen aus Berlin durch drei Rumänen im Beisein weiterer Bewohner. Alarmiert von den Schreien des Mädchens verständigten AnwohnerInnen die Polizei, die zwei Verdächtige festnehmen konnte. Dieser Vorfall, sowie Artikel über die Beschwerden der Nachbarn und Berichte von Polizeiaktionen gegen vietnamesische Zigarettenhändler verstärkten die negative Haltung gegenüber den Asylsuchenden massiv. Wowtscherk bemerkt in diesem Kontext: „Bedenkt man, dass in den Zeitungen keine Berichte und Reportagen über die Asylbewerber zu lesen waren, sondern Ausländer nur in den veröffentlichten Polizeiberichten erwähnt wurden, verzerrte dies die Wahrnehmung (…) durch die Hoyerwerdaer Bürger. Denn in einer Situation, als die Hoyerswerdaer eigene Existenzängste verarbeiten mussten, bedurfte es einer Aufklärung, warum die Stadt zusätzlich Hilfbedürftige aufnehmen muss. Doch die Medien klärten die Einwohner nicht über die komplexen Zusammenhänge auf. Ausländer erschienen in der Presse stattdessen als Schmuggler und Sittenverbrecher, als Kriminelle.“

Bürgerforum als verspäteter Lösungsversuch

Nachdem sich zahlreiche AnwohnerInnen in einem offenen Brief über eine Minderung ihrer Wohnqualität durch eine dauerhafte Lärmbelästigung beschwert hatten und beanstandeten, dass ihren Forderungen nach Mietminderung auf Grund des angrenzenden Wohnheims für Asylsuchende nicht nachgegeben wurde, berief der amtierende Bürgermeister Klaus Naumann am 27.08.1991 eine EinwohnerInnenversammlung zur Klärung der Lage ein. Mehr als 300 Personen besuchten die Veranstaltung. Bis auf die Teilnahme eines afrikanischen Betreuers, der um Verständnis warb und sich für die Belange der HeimbewohnerInnen einzusetzen versuchte, ist über eine Einladung oder Anwesenheit von Asylsuchenden nichts bekannt. In einem Interview mit dem Soziologen Detlef Pollack äußerte Naumann, der die Versammlung leitete, „in dem Saal habe eine aufgeheizte Stimmung (...) geherrscht.“ Auch die Sächsische Zeitung berichtete in einem entsprechenden Beitrag vom 05.09.1991 von der Schwierigkeit, „die Diskussion in sachliche Bahnen zu lenken, um praktische Lösungen zu finden.“

Zu den bisherigen Beschwerden kamen nun u.a. auch Unmutsäußerungen über Bettelei und das „Wühlen in (…) Mülltonnen“ seitens der Asylsuchenden, die ebenfalls von den Lokalmedien aufgegriffen wurden. Trotz der aufgebrachten Stimmung, Aufrufen zum eigenmächtigen Handeln der AnwohnerInnen und der einhelligen Forderung nach einer Schließung des Wohnheims, waren die Verantwortlichen weiter um eine Lösung des Konfliktes bemüht. Laut dem Artikel der SZ empfahl etwa ein „anwesender Vertreter des Kreistages (…) die Bildung eines Heimbeirates mit Anwohnern und Heimbewohnern sowie den Einsatz von zwei Betreuern bei Nacht. (…) Bürgermeister Neumann versprach die anstehenden Probleme der Ordnung und Sicherheit mit den zuständigen Stellen zu klären, weiter nach geeigneteren Unterkünften für Asylbewerber zu suchen und beraumte in vier Wochen einen erneuten Termin zum Thema an.“

Ein Artikel im Hoyerswerdaer Wochenblatt vom 30.08.1991 interpretierte die Lage im Nachgang der Veranstaltung bereits ganz im Sinne derjenigen, die an einer weiteren Eskalation interessiert schienen. Unter den Überschriften „Wohnheim muß weg“ und „Vier-Wochen-Frist“ war dort zu lesen: „Die Behörden sollten zweifellos schnellstens die Situation in den Griff bekommen. Sonst tun dies vielleicht andere. Erste rechtsradikale Meinungsäußerungen wurden bereits laut.“ Als drei Wochen später die Angriffe auf die Unterkunft begannen, trat die Machtlosigkeit sowie eine mangelnde Verantwortungsbereitschaft zuständiger Akteure schließlich offen zu Tage. Heimleiter Werner Trautmann, der dem Treiben aus sicherer Entfernung beiwohnte, wurde in der Frankfurter Rundschau vom 25.09.1991 mit den Worten zitiert: es müsse ja „niemand wissen, daß ich hier arbeite. Sonst gelte ich noch als Negerfreund.“ Nachdem die Asylsuchenden schließlich aus der Stadt evakuiert worden waren, druckte das Hoyerswerdaer Wochenblatt am 08.10.1991 ein skurril anmutendes Schreiben der „Mieter der Thomas-Müntzer-Straße 18“ ab. Darin wurden die Bemühungen der Wohnungsgesellschaft, „uns das Wohnen in dieser Umgebung zu erleichtern“, anerkannt und gewürdigt. Jetzt, wo die unerwünschten NachbarInnen fort waren, schien die Angelegenheit erledigt.

 

Quellen:

Bemühungen anerkannt – Mieter und Wohnungsgesellschaft einigten sich. Hoyerswerda Wochenblatt vom 08.10.1991.

Der „Boss“ ist über alle Berge. Sächsische Zeitung vom 09./10.11.1991.

Die Flucht vor der Gewalt der Straße. Frankfurter Rundschau vom 25.09.1991.

„Eine Pause zur Aufbereitung der angestauten Probleme“. Rundschau für Nordsachsen vom 24.10.1991.

Erklärung des Landratsamtes Hoyerswerda zur Aufnahme von Asylbewerbern. Sächsische Zeitung vom 04.04.1991.

Hoywoy ist keine Hochburg von gewalttätigen Skinheads. Lausitzer Rundschau vom 22.10.1991.

Je später der Abend… desto lauter die Gäste. Hoyerswerdaer Wochenblatt vom 26.07.1991.

Pollack, Detlef (2005). Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda. In: Berliner Debatte Initial (16), S. 15-32.

Viele gute Ansätze, die jetzt nicht mehr zum Tragen kommen. Rundschau für Nordsachsen vom 25.10.1991.

„Wir wollen nichts, als Ruhe!“. Hoyerswerdaer Wochenblatt vom 30.08.1991.

Wir müssen richtigen Umgang miteinander noch lernen. Sächsische Zeitung vom 05.09.1991.

Wowtscherk, Christoph (2014): Was wird wenn die Zeitbombe hochgeht? Göttingen: V&R unipress, S. 106-114, 186-192, 228-230.

Hintergrund

„Hoyerswerda war schon immer eine harte Stadt“

Jens erlebte den September 1991 als alternativer Jugendlicher in Hoyerswerda. In einem Interview berichtete er von seiner Wahrnehmung der linken Demonstration nach dem rassistischen Pogrom in Hoyerswerda, rechter Gewalt und Jugendsubkultur in den frühen 1990er Jahren. Das Gespräch wurde im August 2016 aufgezeichnet.

„Wahrscheinlich hat es deshalb auch in Hoyerswerda zuerst gekracht.“

Wie alt warst du im September 1991?

Ich war 18. Im Jahre 1990 hatte ich die Schule verlassen und dann eine Lehre als Zimmermann in Schwarze Pumpe begonnen. Gewohnt habe ich damals aber noch bei meinen Eltern in Hoyerswerda.

Waren Ausländer in Hoyerswerda für dich vor den Angriffen überhaupt ein Thema?

Zu den Ausländern in der Stadt hat es damals kaum Kontakte gegeben. Für mich persönlich waren beispielsweise die Vietnamesen in Hoyerswerda überhaupt nicht wahrnehmbar und die Mosambikaner höchstens wegen ihrer Hautfarbe. Es gab jedoch vereinzelt Leute aus den Heimen, die immer mal im Jugendclub „Laden“ zu Besuch gewesen sind. Aber gezielt Kontakt gesucht hat da, soweit ich weiß, niemand. Einmal bin ich auch im Flüchtlingsheim im WK (Wohnkomplex) IX zu Besuch gewesen, aber von wem das organisiert wurde, kann ich nicht mehr sagen. Bei uns zuhause wurden zwar Geschichten erzählt, dass es Auseinandersetzungen mit Vertragsarbeitern gegeben habe, weil sie Frauen angemacht hätten. Aber im Grunde war mir damals völlig unbekannt, dass und wie fremd aussehende Leute in Hoyerswerda lebten.

Wie war das als alternativer Jugendlicher in der Wendezeit in Hoyerswerda aufzuwachsen?

In dieser Zeit sind wir aus Angst vor rechten Übergriffen ständig mit dem Kopf im Rücken herumgelaufen. Ich habe wegen meiner damaligen Erfahrungen auch heute noch Probleme, wenn ich in der Stadt unterwegs bin. Das war im Grunde der Alltag in Hoyerswerda bis etwa 1995. Erst danach wurde es ruhiger, weil viele Leute mit zunehmendem Alter vernünftiger geworden sind, Familien gründeten oder wegzogen.

Wie empfandest du ganz allgemein das Klima in Hoyerswerda zu dieser Zeit?

Hoyerswerda war schon immer eine harte Stadt und hatte schon zu DDR-Zeiten eine sehr hohe Kriminalitätsrate. Dort war damals einfach mehr Hitze unter dem Topf als anderswo. Wahrscheinlich hat es deshalb auch in Hoyerswerda zuerst gekracht. Es hätte sich aber auch überall sonst entladen können.

Glaubst du, dass etwas an dem Klischee der „grauen Plattenbaustadt“ dran ist?

Ich glaube ein bisschen schon. Es war schon seltsam, dass viele der Punks aus meiner Generation eher aus WK VI und WK VII kamen und viele Nazis eher aus WK VIII und WK IX. Das waren die neueren Wohngebiete, die noch mehr an ein Labyrinth erinnerten als die älteren. Wenn man über die Stadt blickte, konnte man jedenfalls immer Brennpunkte ausmachen, wo wer wohnt und welches eher die Nazigebiete waren. Die Plattenbauten allein sind natürlich nicht schuld an den Ereignissen von 1991. Es lag vielleicht eher daran, dass es in der Stadt keine Geschichte gibt. Es gab keine soziale Gemeinschaft, die die Leute diszipliniert und sozialisiert hätte. Daher war alles ein wenig chaotischer als anderswo. Dieser Umstand hat die Menschen härter gemacht. Die Plattenbauten waren wohl eher Ausdruck dieses Zustands.

September 1991

Wie hast du von den Geschehnissen vom Herbst 1991 in Hoyerswerda mitbekommen?

Am ersten Tag der Angriffe in der Albert-Schweitzer-Straße habe ich ganz in der Nähe mit einem Freund draußen am „Laden“ gesessen, weil die Sonne schien. Plötzlich kamen zwei Typen in Bomberjacken um die Ecke gehetzt. Die haben sich zu uns gesetzt und sich erholt. Das war merkwürdig, denn in der Regel sind solche Leute nur dahin gekommen, um sich zu prügeln. Sie waren wohl vor der Polizei weggerannt. So haben wir überhaupt erst mitbekommen, dass gleich nebenan irgendetwas los war. Zwar war schon vorher zu hören, dass da etwas passierte, aber zwischen uns und dem Wohnheim der Vertragsarbeiter standen noch die Kindergärten. Wir haben uns das Geschehen dann näher angesehen. Der ganze Platz vor dem Gebäude war voller Menschen, größtenteils Bürger. Was direkt vor dem Haus passierte, haben wir aber nicht direkt sehen können. Wir sind dann auch vorsichtig wieder weggegangen, denn ich bin zu diesem Zeitpunkt sehr bunt herumgelaufen und wollte von den vielen Rechten, die dort auf einem Haufen standen, nicht als „Zecke“ erkannt werden.

Welche Reaktionen hast du auf die Angriffe der Wohnheime erlebt?

Meine Eltern und auch meine jüngere Schwester sagen, dass sie damals nichts mitbekommen hätten. Wir haben zu Hause auch nicht darüber geredet. Sie haben es dann im Fernseher gesehen und sich gedacht: „Was ist denn das?!“ Sie hätten wohl auch von den Nazis in der Stadt nichts mitbekommen, wenn ich nicht immer mal erzählt hätte, dass ich in der Stadt Angst habe. Zumindest für mich war jedoch klar, dass es auch vor den Angriffen schon Ausländerfeindlichkeit in der Stadt gegeben hatte.

Danach hatte man dann eher mit den Reaktionen von Anderen auf die Angriffe zu tun. Bis zu diesem Zeitpunkt habe ich beispielsweise auf die Frage, „Wo kommst du her?“, immer nur gesagt: „Hoyerswerda, da irgendwo hinter Dresden.“ In meinem damaligen Hippie-Look kam nach dem Vorfall dann immer als Antwort: „Sowas wie dich gibt’s dort auch?!“ Jeder in Deutschland wusste auf einmal wo Hoyerswerda liegt. Meine Eltern wiederum hatten das Erlebnis, dass sie im Urlaub von Leuten aus Westdeutschland angesprochen wurden, die gesagt haben: „Super Sache, was ihr da bei euch abgeliefert habt.“

„Vielleicht hätten schon 30 Autonome gereicht...“

Eine Reaktion auf die Angriffe vom September 1991 war eine bundesweite Antifademonstration in der Stadt. Wie hast du sie wahrgenommen?

Ich bin bei der Demo mitgelaufen. Wir waren zunächst erstaunt und überwältigt von der Gewalt auf allen Seiten, wie die Polizei dastand und sich gefreut hat, dass die Leute begonnen haben, Stunk zu machen, als sie die genehmigte Route blockiert hatte und wie schnell sich daraufhin ein Gehweg in Wurfgeschosse verwandelte. In dem Moment wusste ich, das ist nichts für mich. Auf der anderen Seite war ich selbst aber auch vermummt auf der Demo unterwegs, weil Nazis oben auf den Dächern standen und geschaut haben, wer da mitläuft. Als Einheimischer wollte ich natürlich nicht von ihnen erkannt werden. Schließlich war die Demo vorbei und alle sind wieder abgereist. Die Nazis sind im Anschluss mit Autos herumgefahren und haben geschaut, wen sie noch finden können. Ich hatte glücklicherweise ein Fahrrad, aber ein anderer, der mit mir zur Demo gekommen war, hatte weniger Glück.

Welchen Umgang mit den Ereignissen vom September 1991 hättest du dir gewünscht?

Natürlich hätte ich mir gewünscht, dass die Leute offener gewesen wären und weniger Angst gehabt hätten, zu handeln. Auf der anderen Seite haben wir damals auch nichts getan. Was hätten wir auch machen sollen? Uns bei den Angriffen im September vor die Menge stellen und totschlagen lassen? Unser Gefühl, als wir damals bei den Leuten vor dem Heim standen, war einfach Fassungslosigkeit. Wir waren feige und sind weggegangen. Wir hatten Angst und haben uns auch nicht getraut die Leute anzusprechen.

Man hätte Fremdhilfe gebraucht. Vielleicht hätten schon 30 Autonome gereicht, die einfach in Hoyerswerda einrücken, da ein Haus besetzen und mit Gegengewalt antworten, denn das schien irgendwie das Einzige, was den Nazis damals Einhalt geboten hätte. Nur wäre dann der Teufel mit dem Beelzebub ausgetrieben worden. Das waren auch meine Gedanken bei der Antifa-Demo. Erst herkommen, sich das hier angucken, Bambule machen, die Nazis vor Ort noch richtig aufputschen und dann wieder verschwinden. Letztlich blieben wir hier mit dem Problem allein.

Naziskinheads in Hoyerswerda

Hast du denn von Nazis in der Stadt auch schon zu DDR-Zeiten etwas mitbekommen?

Die gab es, aber eher als Jugendbewegung. Bis zur Wende, als ich in der achten und neunten Klasse war, sind jedoch nur vereinzelt Leute mit Bomberjacke oder kurzen Haaren in der Schule herumgelaufen. Nach dem Mauerfall ist mir das natürlich viel mehr aufgefallen, zumal wir auf einmal zur Zielscheibe wurden und dadurch vielmehr den Fokus darauf hatten, wie Leute herumgelaufen sind. Von organisierten und richtig politisierten Nazis habe ich in der Stadt damals jedoch nichts mitbekommen.

Mir ist in jener Zeit aufgefallen, dass die „richtigen“ Nazis in Hoyerswerda zu DDR-Zeiten eher Punks gewesen sind, weshalb viele Punks und Nazis miteinander bekannt waren. Dadurch war es oft so, dass sie etwa auf Discos einrückten und irgendjemanden verprügeln wollten, dann aber Leute erkannten und sagten: „Der nicht, der nicht, der nicht...“. Bei einem Konzert kamen beispielsweise einmal drei vollbesetzte Autos mit quietschenden Reifen angefahren und die Nazis wollten mit Knüppeln bewaffnet in den Club. Weil Bekannte von ihnen vor der Tür standen und fragten: „Was wollt ihr denn hier?“, haben sie daraufhin beschlossen, wieder zu gehen. Sie haben sich also eher Leute gesucht, die sie nicht kannten.

Wie erklärst du dir, dass Leute damals einfach vom Punk zur rechten Subkultur überwechselten?

Das Punk sein war zunächst einfach ein „dagegen sein“ und die DDR wurde mehr und mehr als ein linker Staat wahrgenommen. Man wollte einfach dagegen und der Härteste sein. Die Mitbegründer der Hoyerswerdaer Naziband „Bollwerk“ waren beispielsweise einfach Leute aus dem kriminellen Millieu. Und die haben vermehrt andere Leute mitgezogen.

Gab es damals auch feste Treffpunkte der rechten Szene?

Es war bekannt, wo sie sich aufhielten. Eine Zeitlang sammelten sie sich im heutigen „Black Raven“, das damals noch „Einstein“ hieß und ein Jugendclub gewesen ist. Da ist man dann möglichst nicht vorbei gelaufen. Außerdem trafen sie sich auch in einem Jugendclub im WK X, der später vom CVJM übernommen wurde. Eine Zeitlang hielten sie das Gebäude richtig besetzt. Da war der Club fest in ihrer Hand und „Bollwerk“ hatten dort ihren Proberaum. Ansonsten wusste man, dass bestimmte Gegenden besser gemieden werden sollten, zum Beispiel das WK VIII.

„Generell ging es damals also auch für Alternative noch viel lebendiger in der Stadt zu als heute.“

Wo haben sich alternative Jugendliche damals in der Stadt getroffen?

Ab etwa 1993 gab es das „Dock 28“. Das war für uns wie ein zweites Wohnzimmer. Dort haben sich die Punks getroffen und alle, die irgendwie anders waren. Vorher gab es noch den „Linksabbieger“ beim „Haus der Parteien“. Da sind die Leute aber recht schnell wieder raus geflogen. In der Zwischenzeit trafen wir uns dann zeitweise selbst im Jugendclub „Eckstein“ und vergraulten dort die rechte Kundschaft. Zur Wendezeit gab es auch noch das besetzte „Faxenhaus“ in der Nähe vom Mark in der Altstadt. Jedoch sind die Leute, die sich dort bis etwa 1993 engagiert hatten, dann größtenteils weggezogen. Schließlich existierte noch der bereits erwähnte Jugendclub „Laden“. Die Punks kamen von der Disco immer dahin, weil man dort in dieser Hinsicht immer tolerant gewesen ist. Generell ging es damals also auch für Alternative noch viel lebendiger in der Stadt zu als heute.

Wie seid ihr mit der rechten Gewalt damals umgegangen? Habt ihr euch an die Polizei oder andere Institutionen gewendet? Gab es Ansprechpartner?

Nein so etwas gab es eigentlich nicht, da auch kein Problembewusstsein für so etwas bestand. Hilfe holte man sich auf anderen Wegen. Freunde klingelten zum Beispiel einfach an irgendeiner Haustür, weil sie dachten, von einem Auto verfolgt zu werden. Ich selbst war einmal Zeuge, als um 1991 herum fünf Nazis zwei Schwarze verfolgten. Meine damalige Freundin hat daraufhin die Polizei angerufen und über ein Jahr später haben wir dann auch bei dem Prozess ausgesagt. Aber wenn ich mich an die Art und Weise erinnere, wie ich vor Gericht befragt worden bin und wie die Angeklagten aufgetreten sind, mussten die Nazis mit Sicherheit selbst dort keine großartigen Konsequenzen befürchten.

Bei den meisten Vorfällen war die Polizei auch überhaupt nicht involviert, weil man sich gar nicht erst an sie wandte. Wenn irgendwas passiert ist und man daraufhin nicht ins Krankenhaus musste, war man eher froh, dass es vorbei gewesen und nichts Schlimmeres passiert ist. Außerdem wollte man auch nicht wirklich etwas mit der Polizei zu tun haben und war sich dementsprechend zu fein, sie um Hilfe zu fragen. Wir hatten damals den Eindruck, dass die Polizei generell nicht wusste, was sie tun sollte. Es war sowieso alles chaotisch.

Im Umfeld des „Linksabbiegers“ gab es natürlich auch Leute aus dem Autonomen-Umfeld, die sich gegen Angriffe von rechts gewehrt haben. Aber ich hatte damit nicht viel zu tun. Es gab auch Szenen, wo sich bewaffnet und gewartet wurde, ob Nazis vorbeikommen. Manche haben sich also durchaus mit Nazis geschlagen.

Der Mord an Mike Zerna 1993

Wie habt ihr auf den Mord von Mike Zerna 1993 reagiert?

Für uns war das schon eine Zäsur. Vor allem für die Leute, die dabei waren, war es das Signal: „Jetzt wird es richtig schlimm.“ Was meine eigene Paranoia betraf, hatte sich danach jedoch nicht wirklich viel verändert. Ich hatte vielleicht vorher schon damit gerechnet, dass so etwas irgendwann einmal passiert. Ich erinnere mich beispielsweise an eine Szene vor dem „Umweltcafé“ (ein Projekt im damaligen „Faxenhaus“). Wir kamen gerade an, als neben uns ein Auto hielt, aus dem zwei Typen ausstiegen. Einer von denen guckte uns an und sagte nur verächtlich: „Untermenschen“. Aber mit einem Blick, als wenn er ohne Probleme abdrücken könnte, wenn er eine Waffe in der Hand gehabt hätte. Das war vor dem Mord, aber wegen solcher Erlebnisse wusste ich einfach, dass es in der Stadt Leute gab, die zu allem bereit waren. Das war kein Spaß. Für sie sind wir keine Menschen gewesen, deshalb konnte man uns auch umbringen. Für diese Leute hatten wir einfach nicht da zu sein.

Ich kann mich aber wiederum auch an eine Geschichte erinnern, als ein Nazi mit blaugeschlagenem Gesicht auf mich zukam. Der musterte mich, sagte dann nur: „Nein, du nicht“ und ist wieder verschwunden. Später hat mir ein Freund erklärt, das unsere Autonomen im Stadion Leute verprügelt hatten und jetzt gesucht würden. Also gab es wohl auch „faire“ Nazis und man konnte zwischen den Psychopathen und denen mit „Sportsgeist“ unterscheiden.

Hoyerswerda heute

Wie siehst du im Kontext vom September 1991 den Umgang mit rechten Tendenzen damals und heute in der Stadt?

Heute stellt sich Hoyerswerda dieses Denkmal an 1991 in die Stadt, von dem ich gar nicht wusste, dass es überhaupt eine Initiative gibt, die sich dafür eingesetzt hat. Ich denke man verfährt nach dem Motto: „Wir tun mal so, als wollten wir uns erinnern, aber eigentlich wollen wir von der ganzen Geschichte nichts mehr wissen.“ Der Stadt geht es in erster Linie darum zu zeigen, dass das Leben hier weitergegangen ist.

Ein Effekt aus der ganzen Sache damals war aber immerhin, dass heute mehr Leute aktiv sind, die sich gegen Nazis wenden. Meine Eltern hätten sich heute ohne 1991 wahrscheinlich nicht im Flüchtlingsheim engagiert. Bei denen, die noch irgendetwas im Kopf haben, scheint aufgrund der Ereignisse von 1991 ein gewisses Schamgefühl entstanden zu sein. Ich finde es auch erstaunlich, dass sich Hoyerswerda momentan nicht zum zweiten Mal in die Liste der Städte einreiht, in denen Asylunterkünfte angezündet werden. Das ist bemerkenswert, denn es gibt immer noch einen gewaltbereiten Kern an Nazis in der Stadt und auch im Alltag erlebe ich nach wie vor viele Menschen für die es trotz allem eine ganz normale Gewohnheit zu sein scheint, sich über Ausländer zu beschweren. Und ich sehe natürlich auch die Blicke vieler Menschen, wenn etwa eine Gruppe Syrer durchs Lausitz Center geht.

Hintergrund

Schilderungen eines Vertragsarbeiters aus Hoyerswerda

Victor Jone
Sparkassenangestellter, verheiratet, eine Tochter

Gespräch: 15.10.1991
Abreise: 20.10.1991

1988 in die DDR gekommen. Ich sollte bis Dezember 1992 bleiben.

Ich kam, um einen Beruf zu erlernen, zu arbeiten, um Geld zu verdienen, um etwas für meine Familie zu kaufen.

Ich kam gleich nach Hoyerswerda und erlernte im BKW (Braunkohlewerk) Welzow den Beruf Maschinist.

Der Kontakt zu den Kollegen war teils, teils. Einige waren von Anfang an böse: „Warum bist du hier, mach, dass du nach Hause kommst. Das ist ein Land für Weiße, nicht für Schwarze.“ Sie wollten mich schlagen. Ich sagte es dem Meister. Er hat nichts dazu gesagt. Ich bat, mit anderen Kollegen zu arbeiten. Das wurde abgelehnt. Auch in der Stadt wurde ich schlecht behandelt. Privaten Kontakt gab es nicht. Manchmal ging ich zur Disco in den Laden oder in ein Restaurant.

Dann kam der 1. Mai 1990. Seitdem hatte ich Angst, Angst, dass so etwas wieder passiert. Seit ungefähr einem Jahr war ich in keinem Restaurant, keiner Disco mehr. Nur Arbeit - Einkauf - Wohnheim. „ Ausländer raus“ kannte ich schon früher. Als sie aber kamen, um uns zu schlagen, dachte ich, für die Deutschen wird es besser sein, wenn wir fortgehen.

Seit diesem Überfall habe ich Angst und ich möchte nach Hause.

Miete: 30.00 DM, im Zimmer zwei Personen, in einer Wohnung acht Personen.

Tagschicht Lohngruppe 2, später Lohngruppe 3. Ein deutscher Kollege bekam gleich eine Lohngruppe höher.

 

Quelle:

Gespräch aufgezeichnet und freundlicherweise zur Verfügung gestellt durch Waltraud Spill vom Projektarbeit Mosambik e.V.

Hintergrund

Eine Hoyerswerdaerin berichtet

Gudrun Erfurt hat seit 1980 in Hoyerswerda gelebt. Sie beobachtete die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkunft in der Thomas-Müntzer-Straße von dem Altenheim aus, in welchem sie damals arbeitete. In einem Gespräch im Jahre 2012 schilderte sie ihre Eindrücke vom Zusammenleben zwischen Deutschen und Asylsuchenden.

Hintergrund

Geschichte der Hoyerswerdaer Neustadt bis 1990

Die Stadt Hoyerswerda besteht seit den 1950er Jahren aus den beiden Stadtbezirken Neustadt und Altstadt. Die Angriffe auf MigrantInnen im September 1991 ereigneten sich in der Hoyerswerdaer-Neustadt.

Beschluss zum Aufbau der Hoyerswerdaer Neustadt

Nach dem Ende des zweiten Weltkriegs lebten in Hoyerswerda nur etwa 7.000 Menschen. In den 1950er Jahren wurde der Kreis Hoyerswerda dem Bezirk Cottbus zugeordnet, dessen wichtigste Industriezweige Kohleförderung sowie Energieproduktion waren. 1955 beschloss der DDR-Ministerrat den Bau des Kombinates Schwarze Pumpe. Auf der Website der Stadt Hoyerswerda ist darüber zu lesen:„In diesem Großbetrieb sollten künftig die reichen Braunkohlevorkommen der Lausitz veredelt werden. Das Werk war der Haupt-Gaslieferant für den Osten Deutschlands. Die dafür benötigten Arbeitskräfte sollten konzentriert in einer neu zu errichtenden Stadt angesiedelt werden. Hoyerswerda wurde als verkehrstechnisch, lufthygienisch und städtebaulich optimaler Standort gewählt.“

Schnelles Bevölkerungswachstum bis in die 1980er Jahre

Die Grundsteinlegung für die neue Siedlung der in Schwarze Pumpe tätigen ArbeiterInnen erfolgte im August 1955 – geplant war eine Stadt für 38.000 EinwohnerInnen. Während die ersten Häuser noch am Rande der heutigen Altstadt errichtet wurden, begann 1957 der Aufbau einer völlig neuen Stadt auf der anderen Seite des Flusses Schwarze Elster. Hier entstand die Hoyerswerdaer Neustadt. Ihr Aufbau „ging einher mit der Suche nach immer rationelleren Baumethoden, insbesondere für Wohnungen. Hoyerswerda wurde sozusagen zum ,Experimentierfeld‘ auf diesem Gebiet. Hier wurde erstmals in der ehemaligen DDR der industrielle Wohnungsbau in der Plattenbauweise praktiziert“, berichtet die Stadt Hoyerswerda auf ihrer Website.

Vorgesehen waren zunächst sieben „Wohnkomplexe“ (WKs) sowie ein neues Stadtzentrum. Diese Pläne wurden allerdings nach wenigen Jahren geändert, berichtet die Stadt Hoyerswerda auf ihrem Internetauftritt: „Ab Mitte der 1960er Jahre wurde klar, dass die Stadt entgegen früheren Prognose mehr Menschen aufnehmen musste. Lebten 1960 noch 24.549 EinwohnerInnen in Hoyerswerda, waren es 1963 bereits 34.095 und 1968 schon 53.472. Der Höchststand wurde 1981 mit fast 72.000 Menschen erreicht. Bis Ende der 1980er Jahre entstanden zehn Wohnkomplexe und das Stadtzentrum.“

Situation nach 1990

Mit dem Ende der DDR hatte die Region um Hoyerswerda „einen gewaltigen Strukturwandel“ bewältigen müssen, „mit dem Zusammenbruch der bestimmenden Monoindustrie – Bergbau- und Energiewirtschaft – ergaben sich in der Lausitz einschneidende Veränderungen. In der Region sind 100.000 bis 150.000 Arbeitsplätze in allen Bereichen regelrecht verschwunden.“ Die Stadt wurde mit einer hohen Arbeitslosenquote konfrontiert, 46 Prozent der EinwohnerInnen verließen die Stadt. 1999 wurde schließlich damit begonnen, zahlreiche leerstehende Plattenbauten in der Neustadt abzureißen oder zurückzubauen.

 

 

Weitere Informationen:

Chronik der Hoyerswerdaer Wohngebiete auf der Website der Stadt Hoyerswerda

 

Quellen:

Industriealisierung und Aufschwung im 19./20. Jahrhundert. Verfügbar unter: http://www.hoyerswerda.de/index.php?language=de&m=1&n=5&o=37 (zuletzt aufgerufen am 04.09.2016).

Plattenbau. Verfügbar unter: http://www.hoyerswerda.de/index.php?language=de&m=1&n=5&o=39 (zuletzt aufgerufen am 04.09.2016).

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