Polizei und Staatsgewalt sahen sich nicht in der Lage, die Angegriffenen zu schützen und gegen die Angreifer vorzugehen. Die Entscheidung stattdessen die MigrantInnen aus der Stadt zu bringen, kam einer Kapitulationserklärung gleich. Erst nach mehreren Tagen der Ausschreitungen gewann die Polizei an Durchsetzungskraft – das bekamen dann vor allem die TeilnehmerInnen einer aus Berlin organisierten antirassistischen und antifaschistischen Demonstration zu spüren.

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Hintergrund

Eine Hoyerswerdaerin berichtet

Gudrun Erfurt hat seit 1980 in Hoyerswerda gelebt. Sie beobachtete die Angriffe auf die Flüchtlingsunterkunft in der Thomas-Müntzer-Straße von dem Altenheim aus, in welchem sie damals arbeitete. In einem Gespräch im Jahre 2012 schilderte sie ihre Eindrücke von der Rolle der Polizei im September 1991.

Hintergrund

Polizeibilanz und Strafverfolgung der Täter

Während der Angriffe von Hoyerswerda 1991 gab es zahlreiche Verletzte, aber nur wenige Festnahmen. Bis auf drei jungen Männern, die ein halbes Jahr in Untersuchungshaft saßen, verbüßte keiner der Täter eine Gefängnisstrafe.

Zahlen: Verletzte vom 17. bis 23.09.1991

Laut einem Bericht des Spiegels vom 30.09.1991 gab es während der Angriffe von Hoyerswerda im September 1991 vier Schwer- und 28 Leichtverletzte. Darüber berichtete auch die Lausitzer Rundschau am 26.09.1991: „Vier Schwerverletzte liegen noch im Krankenhaus, darunter zwei junge HoyerswerdaerInnen. Eine der Frauen hatten jugendliche Provokateure am Donnerstagabend den Polizeihunden vorgeworfen. Die zweite Frau erlitt einen Schock. Einem Polizisten war eine Gehwegplatte gegen den Kopf geschleudert, einem Jugendlichen eine schwere Stichverletzung zugefügt worden.“ Innenminister Rudolf Krause (CDU) sprach in der am selben Tag erschienen Ausgabe der Neuen Zeit sogar von fünf Schwerverletzten. Aus den Zahlen geht jedoch nicht hervor, wie viele der attackierten VertragsarbeiterInnen und Asylsuchenden während der Angriffe verletzt wurden.

Festnahmen und beschlagnahmte Waffen

Wie der sächsische Innenminister Rudolf Krause in der Neuen Zeit vom 26.09.1991 zitiert wird, sind in Hoyerswerda 83 Personen vorläufig festgenommen und drei Personen in Untersuchungshaft genommen worden. „Die Polizei stellte zahlreiche Waffen sicher, darunter 10 Schreckschuß- und eine Luftdruckpistole, 4 Stichwaffen, 5 Totschläger, 21 Pfeifgeschosse“, berichtete die Lausitzer Rundschau am gleichen Tag.

Keine Gefängnisaufenthalte nach Urteilen gegen angeklagte Täter

Insgesamt wurden 19 Verdächtige angeklagt – die ersten 11 davon am 11.10.1991. Die Vorwürfe des Generalstaatsanwalts Günter Hertweck gegen die Beschuldigten reichten von „Landfriedensbruch in schwerem Fall bis zu Körperverletzung und Beleidigung“, „er hoffe, daß der Prozeß gegen die zwischen 18 und 28 Jahre alten Täter ,recht bald‘ eröffnet werden könne“, schrieb die Lausitzer Rundschau einen Tag später. Die Angeklagten seien „hinreichend verdächtigt“, nicht nur Steine geworfen zu haben, sondern die Gewaltaktionen angeheizt zu haben, zitiert die taz am gleichen Tag den Generalstaatsanwalt, der darüber hinaus ankündigte, „deutlich zu machen, daß wir die Taten sehr ernst nehmen“. Einige Tage später folgten acht weitere Anklagen, so die Neue Zeit vom 26.10.1991.

Die Täter seien „meist arbeitslos – und kommen aus Hoyerswerda“, so die Bild vom 12.10.1991 bezugnehmend auf Generalstaatsanwalt Hertweck. „Damit widersprach er Innenminister Eggert, der vermutete, westliche Radikale würden die Auseinandersetzung steuern. Den Angeklagten (…) drohen (...) sechs Monate bis zehn Jahre Haft.“ Die ErmittlerInnen standen vor einer besonderen Schwierigkeit, schilderte Hertweck: „Unser Problem ist, daß sich kaum Zeugen aus der Bevölkerung melden.“

Drei Angeklagte, welche die Zeit seit den Angriffen in Untersuchungshaft verbrachten, wurden im Februar 1992 zu Freiheitsstrafen von jeweils 18 Monaten verurteilt. „Das Kreisgericht Bautzen habe die Strafen jedoch zur Bewährung ausgesetzt, weil die Angeklagten bereits sechs Monate in Untersuchungshaft gesessen hätten, hieß es. (…) Die Jugendlichen müßten jetzt noch 120 Stunden gemeinnütziger Arbeit leisten.“ Das berichtete die Zeitschrift Visa bezugnehmend auf eine dpa-Meldung vom 27.02.1992.

Für die Beteiligung an den Attacken von Hoyerswerda 1991 saß darüber hinaus keiner der Angeklagten im Gefängnis.

Das erste Urteil gegen einen, der am rassistischen Pogrom involvierten Neonazis, wurde bereits im Dezember 1991 gesprochen. Darüber berichtete der Spiegel vom 09.12.1991:

„In der vergangenen Woche wurde vor dem Kreisgericht in Bautzen dem ersten Jugendlichen der Prozeß gemacht, der Ende September 1991 bei den Gewalttätigkeiten in Hoyerswerda mitgetan hatte. Kai, 19, ein schmächtiges Bürschchen von kleiner Statur, mit rasiertem Schädel, in dessen Stirn eine Hitler-Tolle fällt, lümmelt sich neben seinen Verteidiger, sichtlich angeödet, denn er will Selbstbewußtsein zur Schau stellen. Auf der Oberlippe kümmert ein Führer-Bärtchen.“ Im Gerichtssaal erschien der rechte Skinhead in Bomberjacke, an dessen Ärmel prangte „der schwarzrotgoldene Bundesadler und die Aufschrift ,Treu dem vereinten deutschen Vaterland‘.“ „Kai sagt, einer aus der Menge habe ihm dann einen Molotowcocktail in die Hand gedrückt. Und den habe er geworfen, über die Polizeikette in Richtung auf das Haus. ,Wie denken Sie heute?‘ (…) ,Das mußte sein‘, druckst er (…).“ Für seine Beteiligung am rassistischen Pogrom wurde der junge Mann zu einer Freiheitsstrafe von 15 Monaten verurteilt. Ob diese Strafe zur Bewährung ausgesetzt werden könne, stellte das Gericht für ein halbes Jahr zurück. In diesem Zeitraum wurde der rechte Skinhead unter die Aufsicht eines Bewährungshelfers gestellt und musste 70 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten.

Ein weiteres bekannt gewordenes Urteil betraf einen 22jährigen Mann, den Polizisten als einen derjenigen Identifizierten, die am 17.09.1991 „in der Albert-Schweitzer-Straße (...) Steine und Flaschen gegen und in die Fensterscheiben des Wohnheims geworfen haben, ausländerfeindliche Parolen grölten, Lieder sangen wie ,Hißt die rote Fahne mit dem Hakenkreuz‘, das Heim stürmen und die ,Fidschis‘ herausholen wollten (,Kommt raus, wir knöpfen Euch auf!‘).“ Wie die Sächsische Zeitung weiter berichtete, wurde der 22jährige zu einer Bewährungsstrafe von 11 Monaten verurteilt.

Beteiligung einer der Verurteilten am Mord an Mike Zerna

Auch Peter Alicke musste sich für seine Beteiligung an den Angriffen vom September 1991 vor Gericht verantworten. Wie Spiegel TV berichtete, wurde er zu 15 Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Im Februar 1993 wurde der 22jährige erneut festgenommen und wegen Totschlags angeklagt. Er gehörte zu der Gruppe von Neonazis, die den Hoyerswerdaer Club „Nachtasyl“ überfallen hatten. Während des Vorfalls hatten die Angreifer den 22jährigen Mike Zerna erst zusammengeschlagen und dann ein Auto auf ihn gekippt. Der junge Mann starb wenige Tage später an seinen schweren Verletzungen. Peter Alicke erhängte sich nach einem umfangreichen Geständnis zur Beteiligung an dem Mord in seiner Gefängniszelle. Die Naziband „Bollwerk“ aus Hoyerswerda widmete Alicke 1993 eine CD.

 

Quellen:

Also doch. Die Radikalen von Hoyerswerda kamen aus der Stadt. Bild vom 12.10.1991.

Bewährungsstrafen für Hoyerswerda-Skinheads. In Visa, bezugnehmend auf dpa-Meldung vom 27.02.1992.

Bollwerk - Unsere Stunde (zensierte Fassung). Website Rock o Rame Records (zuletzt aufgerufen am 09.09.2016; Screenshot der Website liegt den VerfasserInnen vor).

„Deutschland den Deutschen . . .“. Der Spiegel vom 09.12.1991. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13491503.html (zuletzt aufgerufen am 09.09.2016).

Ein Hoyerswerda 1991 ist heute unmöglich. Hoyerswerdaer Tageblatt vom 23.09.2006.

Elf Monate Bewährungsstrafe und Verbot des Kontakts zu Skinheads. Sächsische Zeitung, unbekanntes Datum.

Erste Anklagen erhoben. Lausitzer Rundschau vom 12.10.1991.

Hoyerswerda atmet auf. Lausitzer Rundschau vom 26.09.1991.

Hoyerswerda-Pogrom bald vor Gericht. taz vom 12.10.1991.

Künftig weniger Asylanten nach Sachsen. Neue Zeit vom 26.09.1991.

„Lieber sterben als nach Sachsen“. Der Spiegel vom 30.09.1991. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492514.html (zuletzt aufgerufen am 09.09.2016).

Vor 20 Jahren - Der Mord von Hoyerswerda. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/video/vor-20-jahren-mike-zerna-wird-in-hoyerswerda-zusammengeschlagen-video-1258562.html (zuletzt aufgerufen am 09.09.2016).

Weitere acht Anklagen nach Hoyerswerda-Vorfällen. Neue Zeit vom 26.10.1991.

Hintergrund

Die Angriffe aus Sicht der PolizistInnen im Einsatz

Während der Angriffe auf die Wohnhäuser der VertragsarbeiterInnen und Asylsuchenden in Hoyerswerda im September 1991 war die Polizei einer der zentralen Akteure. Viele der im Einsatz befindlichen PolizistInnen fühlten sich im Umgang mit der rechten Gewalt verunsichert und überfordert.

PolizistInnen sahen sich selbst als Ziel der Gewalt

In der Lausitzer Rundschau vom 26.09.1991 erläuterte der Pressesprecher der Polizei den Einsatz aus seiner Sicht: „Für die Einsatzkräfte der Polizei ergab sich eine völlig neue Situation.“ Die auf den Straßenkampf ohnehin schlecht vorbereiteten Hundertschaften hätten es in Hoyerswerda erstmals nicht nur mit rechter und linker Gewalt zu tun gehabt, sondern mit offenen und auch tätlichen Sympathiekundgebungen sogenannter normaler Bürger. Letzteres schockierte auch Bernd Merbitz von der Polizei Sachsen, der in einem Fernsehbeitrag rückblickend über den Einsatz berichtete: „Was für mich eigentlich das dramatische an dieser Sache war, dass ein Großteil der Bevölkerung den jungen Leuten, die die Molotow-Cocktails geworfen haben, die Steine geworfen haben, noch applaudierten. Das war auch für mich die Phase des Entsetzens. Des Entsetzens dahingehend, so habe ich Gewalt öffentlich noch nie gespürt.“

Einsatzleiter im Interview (2006)

Für eine Studie zu den Ereignissen von Hoyerswerda 1991 befragte der Soziologe Detlef Pollack u.a. Polizisten, die in Hoyerswerda im Einsatz waren. Ihm gegenüber berichtete einer der Beamten auch über eine generelle Unsicherheit der Einsatzkräfte im Umgang mit neuen Regeln und Gesetzen nach dem Ende der DDR. So sei etwa unklar gewesen, inwieweit diese sich bei der Anwendung von Gewalt selbst strafbar machen würden. Dies hätten die aggressiven Jugendlichen ausgenutzt und durch weitere Provokationen ihre Spielräume gegenüber der Polizei getestet. Der befragte Beamte gab darüber hinaus an, dass weitgehend ohne Führung gehandelt werden musste.

Detlef Pollack schildert in seiner Studie, dass einige der AngreiferInnen im September 1991 lautstark von der Polizei forderten, sie sollte sich „auf die Seite der Deutschen (…) stellen“, anstatt die Ausländer zu schützen. Er zitiert u.a. den Polizeibericht vom 19.09.1991, dem dritten Tag des rassistischen Pogroms. Darin schätzt der Einsatzleiter ein, dass sich „die Angriffe nicht mehr nur gegen Ausländer, sondern verstärkt gegen die eingesetzten Vollzugsbediensteten“ richten würden. Ähnlich äußerte sich auch ein von Pollack befragter Polizist: „Wer nicht schnell genug weggelaufen sei, der habe alles abgekriegt.“

Erst nach mehreren Tagen der Angriffe fühlte sich die Polizei gut ausgestattet

Laut den Darstellungen des Soziologen war erst ab dem 20.09.1991, dem vierten Tag der Attacken, „die zahlenmäßige und kämpferische Überlegenheit der Polizei (...) wohl gesichert.“ Zwei Tage später gab „der Einsatz von Hubschraubern und gut ausgerüsteten Einsatztruppen“ den PolizistInnen „nach den vielen Ohnmachtserfahrungen in den Tagen zuvor ein Gefühl von Überlegenheit“.

Die Angriffe auf MigrantInnen in Hoyerswerda konnten dennoch erst dadurch beendet werden, dass die Betroffenen evakuiert wurden. Zeugen des wiedererlangten Durchsetzungsvermögens, der nach den mehrtägigen Ausschreitungen aufgestockten und besser ausgerüsteten Polizei, wurden dann insbesondere die TeilnehmerInnen der Demonstration gegen die rechte Gewalt am 29.09.1991.

 

Quellen:

Hoyerswerda atmet auf. Lausitzer Rundschau vom 26.09.1991.

Hoyerswerda - Erinnerung an die rassistischen Pogrome zwischen 17. September bis 23. September 1991. Verfügbar unter: https://www.youtube.com/watch?v=PkTOD1BBdos (zuletzt aufgerufen am: 09.09.2016).

Pollack, Detlef. (2005). Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda. Berliner Debatte Initial (16), S. 15-32.

Hintergrund

Diskussion um die politische Verantwortung

Auch in Hoyerswerda steht das Verhalten der Polizei während der Angriffe vom September 1991, ähnlich den Attacken auf MigrantInnen in Rostock-Lichtenhagen im darauffolgenden Jahr, symbolhaft für das Versagen des Staates im Umgang mit rechter Gewalt.

Schwache Polizeistrukturen

Wie die Frankfurter Allgemeine Zeitung am 26.06.1991 berichtete, war die Kriminalitätsrate in Hoyerswerda bereits vor der Wende überdurchschnittlich hoch. Schon im Mai und Oktober 1990 kam es darüber hinaus zu massiven Angriffen gegen in Hoyerswerda lebende VertragsarbeiterInnen.

Wie der Soziologe Detlef Pollack in seiner Studie zu Hoyerswerda ausführt, bemängelte der Landrat in einer Innenausschusssitzung unmittelbar nach dem rassistischen Pogrom am 17.10.1991, „daß die Zahl der Polizeibediensteten in einer Dienstschicht (durchschnittlich sechs für den gesamten Kreis) ,völlig unzureichend‘ ist.“ Er zog darüber hinaus folgendes Fazit aus den jüngsten Geschehnissen: „Die Präsenz und Wirksamkeit der Justiz bei den Vorfällen war völlig ungenügend. So mußten erkannte militante Straftäter wegen fehlender staatsanwaltlicher und richterlicher Mitwirkung wieder entlassen werden.“ Wie Pollack erläutert, hätten sich „die ausfindig gemachten Gewalttäter“ daraufhin sogar „neu unter die Menge mischen“ können. Obwohl am 20.09.1991, dem vierten Tag des rassistischen Pogroms, etwa 250 Polizisten im Einsatz gewesen waren, wurden nur sechs oder sieben Personen festgesetzt.

Kommunalpolitik weist Verantwortung zurück

Bereits am ersten Tag nach den Angriffen begann die Diskussion um die politische Verantwortung für den Polizeieinsatz, die Kommunalpolitik wies die Verantwortung für das Versagen der Polizei zurück.

Die Lausitzer Rundschau zitierte am 24.09.1991 den damaligen Bürgermeister: „Als Verleumdung wies (...) Armin Ahrend (CDU) gestern Vormittag (…) die Behauptung des Polizeisprechers Wolfgang Kießling zurück, er habe die Polizeibehörde“ zu spät über die „Eskalation der Gewalt informiert.“ Der Aussage schloss sich tags darauf auch Landrat Schmitz an, der gegenüber derselben Zeitung die Behauptung des Polizeisprechers dementierte, „die Kommunalpolitiker des Landkreises hätten im Zusammenhang mit den Randalen nicht kooperativ mit der Polizei zusammengearbeitet“.

Auch in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung war am 26.09.1991 von den heftigen Vorwürfen zu lesen: „Man habe den Innenminister rechtzeitig darauf aufmerksam gemacht, hieß es im zuständigen Landratsamt, daß sich in der von der Strukturkrise der Energiewirtschaft besonders betroffenen ostsächsischen Kreisstadt ein Konfliktpotential aufbaue, dass eine entsprechende Ausstattung der dortigen Polizei und Sicherheitskräfte dringend erforderlich mache. (…) Das Ministerium habe die Warnungen ignoriert.“

Am 28.09.1991 forderte der stellvertretende CDU-Kreisvorsitzende Peter Schowtka in der Sächsischen Zeitung schließlich den Rücktritt des sächsischen Innenministers Krause: „Der CDU-Kreisvorstand vertritt die Meinung, daß bei einem frühzeitigeren, der Situation angemessenen Einsatz der Polizei erreicht worden wäre, das Ausmaß der Ausschreitungen zu begrenzen. Die Verantwortung dafür trägt der sächsische Innenminister, Dr. Rudolf Krause, der, ohne mit der Situation in Hoyerswerda vertraut zu sein, die Zuweisung von Asylanten in administrativer Weise veranlaßte und zuließ, daß die Zahl der im Landkreis eingesetzten Polizisten ein unvertretbares Minimum erreicht hat. Vorausgehende Hinweise und Anträge in Bezug auf die besondere Situation in Hoyerswerda ließ der Innenminister unbeachtet. Aus diesem Grund hat der CDU-Kreisvorstand Hoyerswerda (…) den einstimmigen Beschluß gefaßt, Ministerpräsident Kurt Biedenkopf um umgehende Entlassung des Innenministers Krause zu bitten.“ Einen Tag zuvor veröffentlichte Peter Schowtka in der Rundschau für Nordsachsen die Erklärung „Verzeihung, mocambiquanische Freunde!“ und entschuldigte sich „bei den ausländischen Bürgern“ dafür, „was ihnen durch meine deutschen Landsleute angetan wurde.“

Rolle des sächsischen Innenministers Krause (CDU)

„Der sächsische Innenminister Rudolf Krause (CDU) will trotz der Vorgänge in Hoyerswerda eine großangelegte Polizeiaktion vermeiden. Er habe eine Arbeitsgruppe eingesetzt, so sagte er der dpa, in der Ausländer und Deutsche miteinander sprechen sollen.“ Diese Meldung druckte die Sächsischen Zeitung am 21.09.1991 – der rechte Mob wütete an jenem Tag schon den fünften Abend vor den Wohnhäusern der MigrantInnen.

Der Innenminister lobte in der Neuen Zeit vom 26.09.1991 „die Einsatzbereitschaft seiner Polizisten“. Einen Tag später äußerte er in der Lausitzer Rundschau: „Also, ich muß erst einmal sagen, daß ich von einer Überforderung der Polizei hier in Hoyerswerda nicht sprechen kann. Denn in Hoyerswerda ist das Recht der Asylbewerber, hier bei uns zu sein, auch gewährt gewesen. Sie sind also geschützt worden durch den Einsatz der Polizei.“

Im Spiegel vom 30.09.1991 wurde berichtet, dass der „Stuhl“ des sächsischen Innenministers Rudolf Krause „seit Hoyerswerda wackelt“, im November 1991 war ebenfalls im Spiegel zu lesen, dass Krause wegen Stasi-Vorwürfen zurück trat.

Neuer Innenminister verspricht Verbesserung

Der neue Innenminister Heinz Eggert übte im Oktober 1991 in der taz Selbstkritik und nahm Bezug auf die linke Demonstration in Hoyerswerda am 29.09.1991, die u.a. durch das Verhalten der Polizei eskalierte: „Dabei hat sich herausgestellt, daß bei bestimmten Aktionen – zum Beispiel in Hoyerswerda der Marsch der Linksradikalen – die Polizeiführer aus Sachsen von der Lageeinschätzung und vom psychologischen Einfühlungsvermögen her mit einer Situation konfrontiert waren, die sie nicht einmal mehr aus dem Kino kannten. Ich möchte verhindern, daß hier Gewalt gegen Gewalt gesetzt, sondern durch eine kluge, taktische Führung der Polizei die Gewaltspirale abgebogen wird. Das wurde hier nicht geleistet. Daraufhin habe ich als eine meiner ersten Anordnungen veranlaßt, daß dort, wo absehbar etwas passieren wird, ein erfahrener Polizeioffizier aus den Alt-Bundesländern zur Seite steht.“

„Auffallend war jedenfalls die Zurückhaltung der Beamten bei Auseinandersetzungen mit Skinheads. Ist die Polizei auf dem rechten Auge blind?“, fragte die taz den neuen Innenminister im selben Interview, dieser antwortete: „Das wird immer wieder behauptet. Zunächst einmal muß man festhalten, daß die Polizisten wie jeder andere in dieser ehemaligen DDR-Gesellschaft umdenken müssen. Wir befinden uns in einem ungeheuren Lernprozeß. Hier brechen Identifikationsmuster weg, und deshalb haben Sie in ganz Osteuropa im Augenblick eine gewaltige Überhöhung des nationalen Elements. Das ist ganz normal, wenn man weiß, daß eine nationale Identität im Kommunismus überhaupt nicht gefragt war. Hier muß man aufpassen, daß dies nicht ein Feld wird, was später von Rechts beackert wird.“

„In Sachsen gibt es momentan 10.300 Asylbewerber“, stellte die taz fest und fragte Eggert: „Schließen Sie sich dem Spruch Ihres Vorgängers an, daß ,das Boot voll‘ sei?“. Dieser antwortete: „Darum geht es doch gar nicht. Es ist völlig unrealistisch anzunehmen, daß irgendein Land in Europa kein Einwanderungsland sei.“

 

Quellen:

Buchladen Georgi Dimitroff (unbekanntes Jahr). Das Nazi-Pogrom in Hoyerswerda. Berlin: Unbekannter Verlag.

„Die Gewaltspirale muß abgebogen werden“. taz vom 18.10.1991.

Frühlings-Übergriffe waren Vorboten der 91er Randale. Sächsische Zeitung vom 28.04.2010.

Hoyerswerda: 200 Polizisten riegelten Ausländerheim ab. Sächsische Zeitung vom 21./22. 09.1991.

Künftig weniger Asylanten nach Sachsen. Neue Zeit vom 26.09.1991

„Lieber sterben als nach Sachsen“. Der Spiegel vom 30.09.1991. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492514.html (zuletzt aufgerufen am 09.09.2016).

Polizei allein hilft nicht. Lausitzer Rundschau vom 27.09.1991.

Polizeipräsident soll richtigstellen. Lausitzer Rundschau vom 24.09.1991.

Pollack, Detlef. (2005). Die ausländerfeindlichen Ausschreitungen im September 1991 in Hoyerswerda. Berliner Debatte Initial (16), S. 15-32.

„Schneewittchen und ihre Zwerge“. Der Spiegel vom 25.11.1991. Verfügbar unter: http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-13492271.html (zuletzt aufgerufen am 05.09.2016).

„Über Konfliktpotential informiert“. Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 26.09.1991.

Umgehende Entlassung von Innenminister Krause. Sächsische Zeitung vom 28.09.1991.

„Verwahren uns gegen falsche Aussagen“. Lausitzer Rundschau vom 25.09.1991.

„Verzeihung, mocambiquanische Freunde!“ Rundschau für Nordsachsen vom 27.09.1991

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