Bei den Angriffen im September 1991 wurden die in Hoyerswerda lebenden mosambikanischen Vertragsarbeiter aus der Stadt vertrieben. Mit dem Ende der DDR mussten die meisten von ihnen Deutschland ganz verlassen. Nur Wenige interessierten sich für die Situation der einstigen, ausländischen Kollegen. Die Rückkehr in ihre Heimatländer war für viele ehemalige DDR- VertragsarbeiterInnen mit Problemen verbunden, die sie bis heute beschäftigen.

Filme

Madgermanes - Der Kampf um die Löhne
Den mosambikanischen VertragsarbeiterInnen in der DDR wurde nur ein Teil ihrer Löhne ausbezahlt. Der Rest sollten sie bei ihrer Rückkehr erhalten. Die meisten haben das Geld bis heute nicht bekommen.
Seit 1994 gibt es regelmäßige Demonstrationen ehemaliger DDR VertragsarbeiterInnen in vielen Städten Mosambiks.

Madgermanes Demo in Berlin
Seit 1994 gibt es regelmäßige Aufmärsche ehemaliger DDR- VertragsarbeiterInnen in Mosambik. Im September 2015 fand zum ersten Mal eine Demonstration in Deutschland statt.

Angelika Nguyen - Bruderland ist abgebrannt (1992)

In ihrem Film "Bruderland ist abgebrannt" begleitete Angelika Nguyen Anfang der 1990er Jahre ehemalige vietnamesische VertragsarbeiterInnen. (Quelle: YouTube)

Rückkehr nach Vietnam – Betroffene erzählen (1993)

Ein Bericht von RheintalTV (Quelle: YouTube):

"Siebzigtausend Vietnamesen arbeiteten zu Spitzenzeiten in Fabriken des ehemaligen Bruderstaates DDR. Bis zur Wende hatten sie Gelegenheit ihr Einkommen trotz geringer Bezahlung so zu verbessern, dass es möglich war, ihre Familien im Heimatland zu unterstützen. Mit der Wende sollten sich die Verhältnisse jedoch ändern. Wer Deutschland verließ, erhielt 3000 DM von der Bundesregierung, für einen Neuanfang im eigenen Land. Doch das ein Neustart mehr Probleme bereitete als erwartet, erzählen die Rückkehrer in diesem Beitrag aus dem Jahr 1993.
Beitrag Ulrike Baur, Kamera, Regie und Produktion: Bert P. Herfen"

Rückkehr nach Vietnam – Probleme beim Neuanfang (1993)

Ein Bericht von RheintalTV (Quelle: YouTube):

"Siebzigtausend Vietnamesen arbeiteten zu Spitzenzeiten in Fabriken des ehemaligen Bruderstaates DDR. Bis zur Wende hatten sie Gelegenheit ihr Einkommen trotz geringer Bezahlung so zu verbessern, dass es möglich war ihre Familien im Heimatland zu unterstützen. Mit der Wende sollten sich die Verhältnisse jedoch ändern. Wer Deutschland verließ, erhielt 3000 DM von der Bundesregierung für einen Neuanfang im eigenen Land. Doch das ein Neustart mehr Probleme bereitete als erwartet, erzählen die Rückkehrer in diesem Beitrag aus dem Jahr 1993.
Beitrag Ulrike Baur, Kamera, Regie und Produktion: Bert P. Herfen"

Hintergrund

Mosambikanische VertragsarbeiterInnen in der DDR und ihr Schicksal danach

Die ersten Angriffe im September 1991 richteten sich gegen Vertragsarbeiter aus Mosambik. Insgesamt arbeiteten rund 20.000 Männer und Frauen aus dem afrikanischen Land in zahlreichen Betrieben der DDR.

Erste mosambikanische VertragsarbeiterInnen kamen 1979

Es gab in der DDR staatliche Programme, um mit ArbeiterInnen aus dem Ausland dem Mangel an Arbeitskräften im eigenen Land zu begegnen. 1967 wurde diesbezüglich eine erste Vereinbarung mit Ungarn geschlossen. Wie Ann-Judith Rabenschlag in einem Beitrag für die Bundeszentrale für politische Bildung ausführt "unterzeichnete die DDR" in der Folge auch "bilaterale Verträge mit Algerien (1974), Kuba (1975), Mosambik (1979), Vietnam (1980) und Angola (1984)“.

Wirtschaftliche Zusammenarbeit – zu Gunsten der DDR

Laut einer Studie zu „(Arbeits-) Migration aus der Volksrepublik Mocambique in die Deutsche Demokratische Republik“ von Cristiane Mende war das Abkommen mit Mosambik außerdem „integriert in eine Ende der 1970er Jahre initiierte, weit reichende gemeinsame Wirtschaftsprogrammatik“. „Die gemeinsamen wirtschaftlichen Großprojekte waren“ dabei jedoch „vorrangig auf die Bedürfnisse und das Wirtschaftssystem der DDR ausgerichtet“. Als Beispiel nennt Mende in ihrer Untersuchung ein im Jahr 1977 geschlossenes Abkommen, in welchem sich die DDR „zur sofortigen Lieferung von bestimmten – auf dem Weltmarkt schwer absetzbaren – Gütern, insbesondere LKW, Landmaschinen, Straßen- und Nachrichtentechnik“ verpflichtete. Im Gegenzug sollte Mosambik diverse Rohstoffe an die DDR liefern.

Arbeitskraft als Schuldenausgleich

In den 1980er Jahren wurde diese Art der Zusammenarbeit schwieriger. Mosambik geriet zwischen die Fronten des kalten Krieges: Es herrschte Bürgerkrieg. Seit der erkämpften Unabhängigkeit regierte die sozialistische FRELIMO das Land. Angegriffen wurde sie von den Guerillatruppen der RENAMO. Hans-Joachim Döring schrieb dazu: „Diesen verbrecherischen Krieg hat die RENAMO dem Land aufgezwungen und sie hat ihn immer wieder angeheizt. Dafür bekam sie Unterstützung aus dem Ausland. Dieser Krieg hat sehr viel zerstört, Menschen wie Projekte. Und er hat wenig wachsen lassen“. In den sechzehn Jahren der Kämpfe starben 900.000 Menschen.

Das hatte auch Auswirkungen auf die wirtschaftlichen Beziehungen in die DDR, wie Kai-Uwe Kohlschmidt im Deutschlandfunk ausführte: „Infolge des Bürgerkriegs waren verschiedene Großprojekte zwischen Mosambik und der DDR gescheitert – zum Beispiel der Steinkohletagebau in Moatize. Investitionen der DDR liefen ins Leere und häuften auf der mosambikanischen Seite einen Schuldenberg an.“

Die DDR war auf die Schuldeneinnahmen in Devisen aus Mosambik angewiesen. Mit einem neuen Regierungsabkommen sollte Abhilfe geschaffen werden. Darin legten die beiden Regierungen fest, dass bis zu 60% der Löhne von VertragsarbeiterInnen einbehalten und zum Schuldenabbau Mosambiks bei der DDR verwendet werden konnten. Den Betroffenen wurde dagegen mitgeteilt, das zurückgehaltene Geld werde auf einem Konto in Mosambik "als Vorsorge für ihre Zukunft zu Hause" angelegt.

„Pro Jahr konnten das über 4.000 Dollar sein. (...) Der mosambikanische Staat begann seine Schulden bei der DDR mit den Rücklagen der Vertragsarbeiter auszugleichen“, so Kohlschmidt.

Schlechte Arbeitsbedingungen statt guter Ausbildung

Als Mosambik dem Vertrag zur Entsendung von ArbeiterInnen in die DDR zustimmte, erhoffte sich der damalige sozialistische Präsident Samora Machel, dass diese gut ausgebildet wieder zurückkehren würden. Denn nach seiner Unabhängigkeit hatten viele Fachkräfte der Kolonialmacht Portugal das Land fluchtartig verlassen und die Wirtschaft brach zusammen. Eigene Fachleute sollten nun in der DDR ausgebildet werden.

Die Arbeits- und Lebensbedingungen der mosambikanischen VertragsarbeiterInnen unterschieden sich nicht von der Situation von ArbeitsmigrantInnen aus anderen Ländern. Wie Ann-Judith Rabenschlag schreibt, waren sie vorrangig für „monotone, ungelernte und in anderer Hinsicht unattraktive Arbeiten“ zuständig. „Ihren Wohnort durften die ausländischen Arbeitnehmer nicht eigenständig wählen. Ihre Unterbringung wurde stattdessen vom Einsatzbetrieb organisiert und erfolgte in Wohnheimen, in denen nur ausländische Arbeitskräfte wohnten. Auch die Belegung der Zimmer wurde von der Betriebsleitung organisiert, pro Zimmer wurden bis zu vier Bewohner untergebracht. Männer und Frauen wohnten voneinander getrennt (…). Eine Einlasskontrolle registrierte An- und Abwesenheit der Bewohner und eventueller Besucher. Übernachtungsbesuch musste bei der Wohnheimleitung beantragt werden, ebenso die eigene Übernachtung außer Haus.“

Bittere Ankunft im Heimatland und Organisierung der ehemaligen VertragsarbeiterInnen

Bereits vor dem Ende der DDR waren viele VertragsarbeiterInnen mit Rassismus und rechter Gewalt konfrontiert, die mit den Ausschreitungen von Hoyerswerda im Herbst 1991 eine neue Qualität erreichte. 1991 wurde der Staatsvertrag zwischen der DDR und Mosambik schließlich aufgelöst. Wie Kohlschmidt in seinem Radiofeature darlegt, erlebten viele VertragsarbeiterInnen ihre damit verbundene Rückkehr zunächst sehr positiv. "Sie hatten in Deutschland eine Abfindung von 3.000 DM bekommen und durften eine große Kiste mit Konsumgütern ausführen." Nachdem diese Rücklage aufgebraucht war, gerieten sie jedoch oft in große Problemlagen, da neue Arbeit trotz ihrer guten Ausbildung kaum zu finden war und sie die ihnen versprochenen und vom Lohn in der DDR abgezogenen Gelder zur "Vorsorge" nie erhielten. Seit mehr als 20 Jahren kämpfen und demonstrieren sie inzwischen um ihre finanziellen Ansprüche.

Nur wenige der ehemaligen mosambikanischen VertragsarbeiterInnen konnten der Ausreise aus Deutschland entgehen. „Nur wer sich selbst versorgen konnte, durfte bleiben“, berichtete Katrin Zeug in der Zeitschrift Fluter. Erst 1997 erhielten jene „ein dauerhaftes Bleiberecht – so wie das der so genannten GastarbeiterInnen der alten Bundesländer“.

 

Weitere Informationen:

Ich wollte leben wie die Götter. Was in Deutschland aus meinen afrikanischen Träumen wurde.

Biographie über das bewegte Leben des ehemaligen mosambikanischen Vertragsarbeiters Ibraimo Alberto, der zunächst in Ostberlin arbeitete. Später lebte er in Schwedt, wo er als Ausländerbeauftragter tätig war und in der Bundesliga boxte. Sein größter Gegner war jedoch der Rassismus, mit dem er immer wieder zu kämpfen hatte. Heute lebt Ibraimo Albert in Westdeutschland.

Leseprobe: bpb.de

 

Madgermanes

Graphic Novel zum Leben mosambikanischer VertragsarbeiterInnen in der DDR und im heutigen Mosambik mit Texten und Zeichnungen von Birgit Weyhe.

Leseprobe: avant-verlag.de

 

 

Blog: Migration in die DDR

Sammlung von Fundstücken zum Thema Migration in der DDR.

Link: migrationddr.wordpress.com

 

 

 

Quellen:

Hans-Joachim Döring & Ura Rüchel (2005). Freundschaftsbande und Beziehungskisten: Die Afrikapolitik der DDR und der BRD gegenüber Mosambik. Frankfurt a. M.: Brandes & Apsel.

Hedemann, Philipp (2012). Das unendliche Warten auf den DDR-Lohn. Verfügbar unter: https://www.welt.de/print/die_welt/politik/article109235908/Das-unendliche-Warten-auf-den-DDR-Lohn.html (zuletzt aufgerufen am 19.06.2017).

Kohlschmidt, Kai-Uwe (2016). Madgermanes. Die Dauerdemo von Maputo. Feature im Deutschlandfunks. Skript verfügbar unter: http://www.deutschlandfunk.de/madgermanes-die-dauerdemo-von-maputo.1247.de.html?dram:article_id=346570 (zuletzt aufgerufen am 19.06.2017).

Mende, Christiane (2010). (Arbeits-)Migration aus der Volksrepublik Mocambique in die Deutsche Demokratische Republik (1979 – 1989/90). Verfügbar unter: https://www.projekte.hu-berlin.de/de/migrationddr/migration-in-die-ddr-und-brd/projekte/mosambique (zuletzt aufgerufen am 18.06.2017).

Rabenschlag, Ann-Judith (2016). Arbeiten im Bruderland. Arbeitsmigranten in der DDR und ihr Zusammenleben mit der deutschen Bevölkerung. Verfügbar unter: www.bpb.de/geschichte/zeitgeschichte/deutschlandarchiv/233678/arbeiten-im-bruderland-arbeitsmigranten-in-der-ddr-und-ihr-zusammenleben-mit-der-deutschen-bevoelkerung (zuletzt aufgerufen am 14.06.2017).

Zeug, Katrin (2009). Willkommen im Bruderland? Verfügbar unter: http://www.fluter.de/willkommen-im-bruderland (zuletzt aufgerufen am 19.06.2017).

Mehr als nur "Völkerfreundschaft": Projektarbeit Mosambik e.V.

"Was sagen Sie zu dem vielen Schnee?" fragte die Hoyerswerdaerin Waldtraut Spill im Jahr 1986 einen Mosambikaner, der auf der Fahrt nach Schwarze Pumpe neben ihr im Bus saß. Aus dieser Begegnung entstanden Bekanntschaften, die mehr waren als die Phrasen einer "Völkerfreundschaft", welche das Verhältnis zwischen DDR-BürgerInnen und ausländischen VertragsarbeiterInnen nach den Vorstellungen der politischen Führung anleiten sollte. Nach dem Ende der DDR besuchte Spill ihre mosambikanischen Freunde in ihrer Heimat. Zur Unterstützung der Menschen in dem verarmten afrikanischen Land gründete sie 1995 mit sechs anderen Frauen den "Projektarbeit Mosambik e.V." Während in Deutschland das Schicksal der ehemaligen VertragsarbeiterInnen in Vergessenheit geriet, baute der Verein unter dem Motto "Hilfe zur Selbsthilfe" die Beziehungen nach Mosambik weiter aus und verwirklichte eindrucksvolle Projekte.

Die Gründung des Projektvereins

Waldtraut Spill, Gründerin von Projektarbeit
Mosambik e.V. (Foto: privat)

Waldtraut Spill, die seit 1963 in Hoyerswerda lebte und bis zur Wiedervereinigung in der Poliklinik in Schwarze Pumpe beschäftigt war, knüpfte bereits ab Mitte der 1980iger Jahre erste Kontakte zu Mosambikanern, die in der Region beschäftigt wurden und kaum in das soziale Leben vor Ort integriert waren. Durch gegenseitige Besuche erwuchsen rasch Bekanntschaften, die sich auf Grund der beginnenden Rückführung der VertragsarbeiterInnen im Jahr 1987 jedoch nur schwer aufrecht erhielten ließen. Während ihr Umfeld zunächst nicht negativ auf ihren Umgang mit den jungen Menschen aus Mosambik reagierte, änderte sich dies, wie sie in einem Interview im Jahr 2016 ausführte, mit dem Ende der DDR. Das nun zunehmend ausländerfeindliche Klima in der Stadt erlebte sie etwa durch rassistische Äußerungen von NachbarInnen, wenn ihre Bekannten sie aufsuchten.

Als die Anfeindungen im Herbst 1991 schließlich in die gewalttätigen Angriffe auf das Wohnheim mosambikanischer Vertragsarbeiter in Hoyerswerda umschlugen, befand sie sich am Ort des Geschehens und stand unmittelbar „zwischen den Fronten“. Nachdem die Polizei das Gebäude vor dem randalierenden Mob abgeriegelt hatte, nahm sie einen mosambikanischen Freund bei sich auf, bis sich die Lage wieder etwas entspannte. Kurz darauf führte sie Interviews mit einigen der Betroffenen, um deren Erfahrungen festzuhalten. Der durch die Stadtverwaltung gefasste Beschluss die angegriffenen Vertragsarbeiter nach dem Pogrom vorzeitig in ihre Heimatländer zurückzuschicken, stellte jene vor eine sehr schwierige Situation. Spill half ihnen bei der Abreise und begleitete einige ihrer Freunde zum Teil bis zum Flughafen, um sich von ihnen zu verabschieden.

15jähriges Jubiläum des Vereins:
Treffen der Gründungsmitglieder

Im Jahr 1992 reiste sie erstmals auf Einladung ihrer Bekannten nach Mosambik. Beeindruckt von der Gastfreundschaft und konfrontiert mit der Lebenssituation der Menschen in einem der ärmsten Länder der Welt, entschloss sie sich nach ihrer Rückkehr praktische Hilfe zu leisten. In der Folge initiierte sie unter anderem Spendenaufrufe „für Unterkünfte für Waisenkinder in Marromeu“ und den „Aufbau und die Ausrüstung einer Behindertenwerkstatt in Beira“ (der zweitgrößten Stadt des Landes). Wie die Lausitzer Rundschau am 28.05.2011 berichtete, begab sie sich 1994 erneut nach Mosambik, um eine verschollene Lieferung mit 6 Tonnen Hilfsgütern wiederzufinden. Im Jahr darauf gründete sie mit weiteren Aktivistinnen den Verein „Projektarbeit Mosambik e.V.“ und wurde 1996 mit dem Bundesverdienstorden für ihr Engagement ausgezeichnet.

Der Bau und die Erhaltung einer Schule in Beira

In Folge der Unterstützungsarbeit durch den Verein gelang es in Zusammenarbeit mit der Organisation der ehemaligen DDR-VertragsarbeiterInnen in Mosambik („MONARDA“) ab 1997 auch größere Projektvorhaben in die Tat umzusetzen. In diesem Jahr wurde ein erstes Schulgebäude im Stadtteil Mascarenha in Beira errichtet, in dem, laut Auskunft des Projektvereins, zunächst 142 Kinder in drei Klassen unterrichtet werden konnten. Ein Jahr später erfolgte der Bau eines zweiten Klassenraumes und eines Büros für die Lehrkräfte.

Die InitiatorInnen sorgten durch die Spenden aus Deutschland dafür, das der Schulbetrieb in Eigenverantwortung durchgeführt werden konnte, was unter anderem die Zahlung der Gehaltskosten für staatlich zugelassene LehrerInnen und das weitere Schulpersonal einschloss. Außerdem übernahm der Verein vielfach die Entrichtung des Schulgeldes (welches in Mosambik erst 2004 abgeschafft wurde) und die Bereitstellung von Lehrmaterialien. Erst dadurch erhielten Kinder aus ärmeren Schichten überhaupt die Möglichkeit, eine Schule besuchen zu können.

Weitere Maßnahmen, die dem Ausbau und Erhalt der Schule galten, waren die Rekonstruktion eines Brunnens auf dem Hof und die Errichtung eines Spielplatzes im Jahr 1999 sowie der Anbau einer Veranda und die Installation von Regenschutzmaßnahmen um das Schulgebäude im Jahr 2000. Zu diesem Zeitpunkt besuchten bereits 232 Kinder die Schule. Wie Wolfgang Zropf, der sich ab Anfang der 2000er Jahre verstärkt im Projektverein engagierte, in einem Erlebnisbericht von 2014 schildert, wurde der Lehrbetrieb im Jahr 2001 schließlich an die Stadt Beira übergeben. „Dazu wurde“, so Zropf, „die Schule organisatorisch an eine andere Schule angegliedert. Der Verein sorgte weiter für die Bezahlung der Bewacher/Hausmeister, die Instandhaltung der Schule und für die Zahlung des Schulgeldes.“

Waldtraut Spill verließ Hoyerswerda im Jahr 2003, um fortan in Berlin zu leben. Wie die Lausitzer Rundschau am 30.08.2003 berichtete, wurde ihr Engagement in Form einer Abschiedsfeier im Lessing-Gymnasium geehrt. Weil der Kontakt des Projektvereins nach Beira zu diesem Zeitpunkt mehr und mehr zum Erliegen kam, bat sie ihren Bekannten Wolfgang Zropf, der später auch den Vereinsvorsitz übernehmen sollte, sich im Zuge eines Besuchs bei seinem Freund Faz Bem Zimuando in Mosambik nach dem Erhalt der Schule zu erkundigen. Da Jener als ehemaliger Vertragsarbeiter in der DDR ebenfalls über Verbindungen zu „MONARDA“ verfügte, konnte der Kontakt zum damaligen Schulkoordinator wiederaufgenommen werden.

Zropf erlebte bei seinen ersten Besuch der Einrichtung „sehr widersprüchliche“ Eindrücke: „Die Kinder und die Lehrer freuten sich riesig über den Besuch aus Deutschland. Ich hatte den Eindruck, das der Schulbetrieb geordnet ablief. Andererseits beschlich mich das Gefühl, dass nach der Abreise von Frau Spill nicht mehr viel für die Substanzpflege getan worden war. Ich hatte Fotos gesehen mit frisch gestrichenen Wänden in leuchtenden Farben. Aber in der Zwischenzeit hatte extrem hohe Luftfeuchtigkeit bei gleichzeitiger großer Hitze (35 Grad und mehr) den minderwertigen Farben stark zugesetzt. In den Zwischendecken hatten sich Fledermäuse einquartiert. (…) Die Schulmöbel waren entweder verschwunden oder kaputt. Viele Kinder saßen auf dem Boden. Zum Lehrerzimmer gab es keinen Schlüssel mehr. Durch die kaputten Scheiben sah man nur noch kahle Wände. Am Schlimmsten aber sah die Machessam, eine halbhoch gemauerte Rundhütte mit Schilfdach aus, die als dritter Unterrichtsraum genutzt worden war. Ein Sturm hatte das Dach komplett zerstört und den Raum unbenutzbar gemacht. Trotzdem machten die Kinder den Eindruck glücklich zu sein, dass sie überhaupt hier zur Schule gehen konnten.“

Noch während seines Aufenthaltes stellte Zropf Kontakt zu zuständigen Behörden her und bot weitere Hilfe zur Erhaltung der Schule an. Als er nach Deutschland zurückkam und über seine Eindrücke berichtete, wurde er gebeten im Jahr 2005 mit Hilfe des Projektvereins noch einmal nach Mosambik zu reisen, um seine Bemühungen weiter voranzutreiben. Durch das Engagement von Zropf und seinen Freunden und Bekannten vor Ort gelang es nicht nur, dass zerstörte Gebäude durch Spenden wiederaufzubauen. Zudem konnten 2006 zwei weitere Schulräume errichtet und mit Mobiliar ausgestattet sowie eine Versorgung der Einrichtung mit Strom, Trinkwasser und zusätzlichen Toiletten sichergestellt werden.

Die Schaffung eines Gesundheitszentrums

Bau des Gesundheitszentrums in Beira
(Foto: Projektbericht 2007)

Die erfolgreiche Zusammenarbeit aller Beteiligten bei der erneuten Instandsetzung der Schule in Mascarenha ermutigten Zropf ein weiteres Vorhaben zu verwirklichen. Bei einem Treffen mit dem Bürgermeister der Stadt im Jahr 2006 waren insbesondere die Probleme einer fehlenden Infrastruktur und der medizinischen Versorgung in den Randgebieten von Beira zur Sprache gekommen. Um Abhilfe zu schaffen, wurde der gemeinsame Bau eines Gesundheitszentrums geplant. Zropf erhielt in diesem Zug eine Vollmacht der Stadt, um sich in Deutschland für die Verwirklichung dieses Projektes einzusetzen.

Durch einen Hinweis der Kulturfabrik Hoyerswerda bewarb sich der „Projekt Mosambik e.V.“ in der Folge auf eine Ausschreibung der „Sächsischen Jugendstiftung“ (SJS) für soziale Projekte in der 3. Welt und konnte mit seinem Entwurf für das Gesundheitszentrum den dritten Platz erzielen. Durch die damit verbundenen Fördermittel in Höhe von 40.000 Euro eröffnete sich die Möglichkeit weitere 25.000 Euro von der Stiftung „Nord-Süd-Brücken“ zu erhalten. Zusätzliche Spendeneinnahmen des Projektvereins in Höhe 8.000 Euro sowie die Bereitstellung von 11.000 Euro durch die Stadt Beira führten bereits im Oktober 2007 zum Abschluss eines Finanzierungsvertrags.

Das Gesundheitszentrum im Bau
(Foto: Projektbericht "genial sozial" 2007)

Am 20.06.2008 wurde das Zentrum schließlich offiziell eröffnet. Zuvor erfolgte eine feierliche Übergabe der drei fertiggestellten Neubauten an die Stadt. Zropf bemerkt in seinem Bericht: „Nicht mal sechs Monate nach der Grundsteinlegung waren wir mit fünf Vertretern der SJS und einem des sächsischen Sozialministeriums wieder in Beira. (…) Die Vertreter der SJS erlebten die große Dankbarkeit der Menschen für das, was mit dem von ihnen gespendetem Geld geschaffen worden war. Offizielle Treffen mit dem Gouverneur der Provinz Sofala, Berichte im Fernsehen, Radio und Presse zeigten ihnen die Bedeutung, die man diesem kleinen Projekt zumaß.“ Gegenüber der Lausitzer Rundschau vom 23.04.2008 sagte er mit Blick auf die Ausrichtung des Zentrums: „Hauptprobleme sind Malaria und Durchfallerkrankungen. (...) Zudem ist die Geburtenrate extrem hoch. Es gilt also, Babys und junge Mütter zu versorgen. Für all das gibt es nun ein Gebäude mit Behandlungsraum, Untersuchungs-, Schwangerenberatungs- und Impfzimmer, Entbindungssaal sowie Bettenraum. Gleich nebenan steht die Unterkunft für zwei der vier Mediziner vor Ort. Nur so kann der 24-Stunden-Betrieb gesichert werden.“

Daviz Simango im Interview mit Wolfgang Zropf

Daviz Simango spricht über das Gesundheitszentrum Manga Loforte, seine Entstehung, die Notwendigkeit der Erweiterung und über die Entwicklung in Beira seit seiner Amtsübernahme (Quelle: YouTube)

Die Entwicklung von Schulpartnerschaften

Das Förderprojekt „genial sozial“ der „Sächsischen Jugendstiftung“ ermöglichte nicht nur die Finanzierung des Gesundheitszentrums. Seine spezifische Konzeption, bei der teilnehmende SchülerInnen einen Tag lang freiwillig arbeiten, um die dadurch erwirtschafteten Gelder für selbstgewählte Projektvorhaben zu spenden, führte auch dazu, dass weitergehende Kooperationen zwischen dem „Projektverein Mosambik e.V.“ und dem „Schiller- Gymnasium“ in Bautzen entstanden. Der damalige Schulsprecher Sven Matschke gehörte zu den Personen, die zur Übergabe des Zentrums an die Stadt Beira nach Mosambik reisen konnten. Nach seiner Rückkehr versuchte er den Wunsch mosambikanischer Jugendlicher nach einer Partnerschaft zwischen weiterführenden Schulen aus beiden Ländern in die Tat umzusetzen.

Besuch aus Bautzen in Beira
(Foto: Schiller-Gymnasium-Bautzen)

„Nur wenige Wochen später besuchte“, wie es in einer Chronik auf der Webseite des Gymnasiums heißt, „Martin Frömmer (Fachlehrer Mathematik/Geographie) im Rahmen des Lehrer- und Assistentenaustausches für Hospitationsaufenthalte die Stadt“ Beira. „Während seines Aufenthaltes nahm er persönliche Kontakte mit Entscheidungsträgern (...) und der Provinz Sofala auf. Am 03. September (2008) beschloss die Gesamtlehrerkonferenz des Schiller-Gymnasiums Bautzen den Aufbau einer langfristigen Schulpartnerschaft mit der Escola Secundária da Manga in Beira“, in der mehr als 8000 SchülerInnen in etwa 100 Klassen unterrichtet werden.

SchülerInnen im Austausch
(Foto: Schiller-Gymnasium-Bautzen)

Eine „Schülerarbeitsgruppe Mosambik“ (SAG-Mosambik) setzte sich fortan mit Unterstützung lokaler Unternehmen für die Entwicklung und Umsetzung von Projekten an der Partnerschule ein. Auf diesem Weg konnte etwa im Jahr 2009 durch die Sammlung von Spenden und mit Hilfe des „Projektarbeit Mosambik e.V.“ das Schulmobiliar repariert und ein Internetzugang realisiert werden. Während eines SchülerInnenaustausches im gleichen Jahr wurden außerdem Laborpraktika initiiert, um eine Verbesserung des Chemieunterrichts zu fördern. Im Gegenzug hatte der Bürgermeister von Beira zusammen mit zwei Abgeordneten des mosambikanischen Parlaments das „Schiller- Gymnasium“ besucht, um seiner Dankbarkeit für das Engagement der sächsischen SchülerInnen und des Projektvereins Ausdruck zu verleihen.

Projektmappe zur Schulpartnerschaft

Im August 2010 reisten erstmals auch mosambikanische SchülerInnen zu ihrer Partnerschule nach Bautzen. Durch die Organisation regelmäßiger Spendenveranstaltungen unterstützte das Gymnasium auch weiterhin die Arbeit des „Projektarbeit Mosambik e.V.“ und konnte im Juni 2011 den damaligen Botschafter des Landes bei sich begrüßen. Ein weiterer Schüleraustausch nach Mosambik fand im Sommer 2012 statt. Laut einem Bericht der Lausitzer Rundschau entstanden in den darauffolgenden Jahren durch das Engagement des Vereins weitere Schulpartnerschaften in der Region mit der Heidegrundschule und der berufsorientierten Oberschule in Spremberg, in deren Rahmen ebenfalls Austauschreisen organisiert werden konnten.

Die Auflösung des Projektvereins im Jahr 2016

In den Jahren 2013 bis 2015 konzentrierte sich die Arbeit des „Projektarbeit Mosambik e.V.“ wiederum verstärkt auf den Erhalt der Grundschule in Beira, an der durch die erfolgten Erweiterungen mittlerweile etwa 900 Kinder unterrichtet wurden. Ein darüber hinaus geplantes Vorhaben zur Vergrößerung des Gesundheitszentrums, welches durch eine erneute Kooperation mit der „Sächsischen Jugendstiftung“ realisiert werden sollte, konnte, laut einem UnterstützerInnenbrief von 2013, auf Grund der unsicheren Finanzierungslage vor Ort leider nicht umgesetzt werden. Bereits zum 20jährigen Vereinsjubiläum äußerte sich Zropf gegenüber der Lausitzer Rundschau vom 28.04.2015 besorgt über den Fortbestand der Arbeit: „Ein Ziel haben wir nicht erreicht. (…) Der junge Nachwuchs – unsere Ablösung – fehlt.“

Ein knappes Jahr später gab der Verein schließlich schweren Herzens seine Auflösung bekannt. Wie die Lausitzer Rundschau am 05.01.2016 mitteilte, hatten die Beteiligten „durch Krankheit, altersbedingte Ausfälle und den damit verbundenen Mitgliederschwund“ bereits „seit einigen Jahren (…) erhebliche Probleme, die Vorstandsfunktionen zu besetzen. (…) Mit den im letzten Jahr überwiesenen Mitteln sollen nun noch eine Umfriedung des Schulgeländes und Malerarbeiten realisiert werden. Danach wird der mosambikanische Staat die Schule allein weiterführen. (…) Vereinsgründerin Waldtraut Spill machte sich zuletzt 2011 gemeinsam mit ihrer Enkeltochter auf die lange Reise nach Mosambik.“

 

Quellen:

Chronik der Schulpartnerschaft zwischen dem Schiller-Gymnasium-Bautzen und der Escola Secundaria da Manga; unter: http://www.schiller-gymnasium-bautzen.de/mozambique/index.php?id=4&lang=de (Stand 12.01.2018).

Der Nachwuchs für Entwicklungshilfe im Kleinen fehlt. Lausitzer Rundschau vom 25.04.2015.

Freude über Gesundheitszentrum. Lausitzer Rundschau vom 23.04.2008.

Internetseite des Projektarbeit Mosambik e.V. unter: http://www.projektarbeit-mosambik.de (Stand: 12.01.2018).

Interview mit Waldtraut Spill vom 05.09.2016.

Lessingschüler sangen für Waltraut Spill. Lausitzer Rundschau vom 30.08.2003.

Mosambik 2007 – Ein Gesundheitszentrum in Mascarenha - Projektbericht der Sächsischen Jugendstiftung („genial sozial“).

Nach zehn Jahren wieder in Afrika. Lausitzer Rundschau vom 15.10.2011.

Nach 20 Jahren löst sich der Mosambik-Verein schweren Herzens auf. Lausitzer Rundschau vom 05.01.2016.

Projektmappe zur Schulpartnerschaft zwischen dem Schiller Gymnasium Bautzen und der Escola Secundaria da Manga von der Schülerarbeitsgruppe Mosambik (SAG Mosambik) vom September/Oktober 2012.

Unterstützerbrief des Projektarbeit Mosambik e.V. vom 27.10.2007.

Unterstützerbrief des Projektarbeit Mosambik e.V. vom November 2013.

Waldtraut Spill reist wieder nach Mosambik. Lausitzer Rundschau vom 28.05.2011.

Zropf, Wolfgang (2014): Wie aus einer privaten Freundschaft soziale Projekte wurden. In: van der Heyden, Ulrich / Semmler, Wolfgang / Straßburg, Ralf (Hg.): Mosambikanische Vertragsarbeiter in der DDR-Wirtschaft. Hintergründe – Verlauf – Folgen. Berlin: Lit Verlag, S. 256-295.

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